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Brücken bauen zwischen Unternehmertum und gesellschaftlicher Verantwortung

discovering hands Geschäftsführerin Dr. Marisa Mühlböck über ihr Engagement, aus einer Behinderung eine Begabung zu machen

Marisa Mühlböck im Kreise ihrer MTUs (Fotokredit: DI Katharina Schiffl)

Marisa Mühlböck, Geschäftsführerin von discovering hands,in Österreich hat bereits zahlreiche Länder dieser Erde bereist. Aber auch im Berufsleben scheut sie nicht davor zurück, neue und manchmal auch „ungeebnete“ Wege zu beschreiten, um unternehmerische Verantwortung mit sozialen Belangen zu vereinen. Derzeit setzt sie ihre ganze Energie für die Etablierung von discovering hands in Österreich ein. Ihr Anliegen ist es, aufzuzeigen, dass eine Behinderung auch eine Begabung sein kann, die großen gesellschaftlichen Mehrwert schafft. Wir haben mit ihr über berufliche Eigenverantwortung, Stationen auf dem Weg zum Ziel sowie daraus resultierende Herausforderungen und Chancen gesprochen.

Redaktion: Liebe Marisa, erzähle uns doch bitte von deinem beruflichen Werdegang.

Marisa: Ich habe Wirtschaft studiert und bereits in dieser Zeit das Thema CSR, Corporate Social Responsibility, für mich entdeckt. Mir hat damals schon in diesem hardcore betriebswirtschaftlichen Umfeld irgendetwas gefehlt. Etwas das eine Resonanz in mir erzeugt mit meinem persönlichen Leben. Ich überlegte mir, wie man Wirtschaft und Soziales miteinander verbinden und unternehmerisches Tun und Wirken dazu nutzen könnte, um gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen. Diese Thematik fasziniert mich seit damals und ich begann mich seit dem Ende meines Studiums immer mehr damit zu beschäftigen. Ich habe dann verschiedene berufliche Stationen absolviert, von internationalen Unternehmen über Agenturleben und Interessensvertretung bis zur Geschäftsführung einer Stiftung.

Mich haben Projekte immer schon sehr interessiert, die den Anspruch haben, etwas gesellschaftlich Wertvolles zu tun. Außerdem war es mir wichtig, Brücken zwischen einzelnen Gruppen zu bauen. Als ich schließlich dabei war, mein eigenes Start-up zu gründen - ich wollte eine Plattform für allein reisende Frauen ins Leben rufen, auf der sie sich untereinander vernetzen können - hat mich die Anfrage von discovering hands erreichte. Ich kannte die Idee dahinter bereits, weil es meiner Meinung nach eines der besten Beispiele dafür ist, wie ein Sozialunternehmen mehrfachen Mehrwert für die Gesellschaft erzeugen kann. Somit habe ich mein Start-up-Projekt auf Eis gelegt und seither widme ich mich zu hundert Prozent discovering hands.

Redaktion: Was sind deine Ziele für discovering hands in Österreich für 2019?

Marisa: Wir befinden uns ja mitten in einem großen Studienprojekt, das die Wirksamkeit der discovering hands-Methode belegen soll, und es läuft zum Glück sehr erfolgreich, was uns sehr freut. Wir haben bald sechs Studienpartner an Bord und sind im Endspurt. In den nächsten Monaten planen wir, die tausend Studienteilnehmerinnen, die wir benötigen, zu erreichen. Das ist Teil des Pilotprojektes, welches mit dem Gesundheitsministerium vereinbart wurde. Ziel ist es, in diesem Jahr die gesetzliche Grundlage zu schaffen, damit die Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen, oder kurz MTUs, in Österreich tätig werden können.

Redaktion: Was sind die größten Hürden?

Marisa: Ich würde sagen, die größte Hürde ist die Zeit. Je schneller wir das Studienprojekt abschließen können, desto besser. Jeder zusätzliche Monat kostet Geld, denn die Tastuntersucherinnen sind ja bei uns angestellt, die Untersuchung selbst ist aber für die Teilnehmerin in der Studienphase kostenlos.

Redaktion: Welche Resonanz gibt es von Seiten der Studienteilnehmerinnen?

Marisa: Die Damen füllen am Ende der Untersuchung immer einen Fragebogen aus und wir stellen die Frage, ob sie diese Untersuchung ihren Freundinnen weiterempfehlen würden. Hier antworten mehr als 99 Prozent mit „Ja“ und das macht uns stolz und motiviert und freut uns alle. Außerdem bekommen wir sehr viel positives Feedback von unseren Studienpartnern, die erzählen, dass die Teilnehmerinnen von der Professionalität begeistert sind und unser Angebot wertschätzen. Besonders freut es mich auch, wenn uns Frauen berichten, dass sie sich vorher noch nie mit dem Thema Brustgesundheit auseinandergesetzt haben und sie durch uns dazu motiviert wurden, Brustkrebsfrüherkennungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen. Manchen nimmt es auch die Angst vor der Mammographie. Ich denke, das ist sehr wertvoll, wenn wir insgesamt dazu beitragen können, das Bewusstsein für Brustgesundheit zu steigern.

Redaktion: Welche Herausforderungen siehst Du sonst noch?

Marisa: Wichtig ist, aufzuzeigen, welche Lücke discovering hands schließen kann. Und dabei geht es nicht darum, bestehende und etablierte Diagnostik zu verdrängen. Im Gegenteil: Unser Hauptziel ist es, die Qualität der klinischen Brustuntersuchung zu verbessern und nicht die bildgebende Diagnostik zu ersetzen. Möglich wird dies durch mehr Zeit, ein strukturiertes Vorgehen, das immer gleich qualitätsgesichert durchgeführt wird, und drittens durch die ausgezeichneten taktilen Fähigkeiten von sehbehinderten Menschen. Durch die Assistenz der Medizinisch-Taktilen Untersucherin erhalten die Ärzte mehr Informationen, um eine richtige Diagnose für die Patientinnen zu stellen.

Redaktion: Gibt es im Rahmen deiner Tätigkeit bei discovering hands Momente, die Dich emotional berühren?

Marisa: Mich macht sehr stolz, zu sehen, wie sich meine MTUs in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelt haben. Sie sind durch den Kontakt mit den Studienteilnehmerinnen so viel selbstbewusster geworden. Eine meiner Mitarbeiterinnen kommt ursprünglich aus Ägypten und hatte anfangs große Probleme mit der deutschen Sprache. Aufgrund des täglichen Kontakts mit den Studienteilnehmerinnen ist sie nun aber schon viel sicherer geworden und gibt sogar Journalisteninterviews. So etwas erfüllt mich natürlich mit großem Stolz, wenn ich sehe, wie positiv sich das Leben meiner Mitarbeiterinnen durch discovering hands verändert hat.

Durch das tolles Feedback, das meine MTUs erhalten, wird ihnen klar, welchen Mehrwert sie durch ihre Begabung schaffen. Sonst steht in ihrem Alltag oft nur die Behinderung im Vordergrund. Einmal hat eine Dame nach der Untersuchung ein Posting auf Facebook über ihre Erfahrung mit discovering hands verfasst. Dabei hat sie die Professionalität, aber auch die Lockerheit meiner Kollegin erwähnt. Die Verfasserin des Postings schreibt, dass sie schon während der Untersuchung Bedenken hatte, ob sie sich von einer sehbehinderten Frau mit „Auf Wiedersehen“ verabschieden könne, doch diese löste es ganz ungezwungen mit einem „Ciao - wir sehen uns sicher bald wieder!“

Redaktion: Wie kann man discovering hands helfen, die Ziele für 2019 zu erreichen?

Marisa: Einerseits natürlich durch die Teilnahme an unserer Studie, andererseits aber auch dadurch, Botschafterin zu werden, unsere positiven News, sei es via soziale Netzwerke oder über das persönliche Gespräch zu verbreiten. Wenn wir zeigen können, dass die Nachfrage dementsprechend groß ist und wie positiv discovering hands wirkt, ist das für die Etablierung des Berufsbilds in Österreich sicher ein Vorteil.

Redaktion: Und zum Abschluss: Was würdest du jungen Menschen raten, die ihr eigenes Start-up oder vielleicht sogar Sozialunternehmen gründen wollen?

Marisa: Wichtig ist es, ein Gefühl dafür zu bekommen, was man erreichen möchte und sich sein Ziel klar vor Augen zu halten. Aber gleichzeitig sollte man nicht zu eingeschränkt denken, sondern offen und neugierig verschiedene Wege gehen. Auf dem Weg zu Ziel verändern sich immer wieder so viele Rahmenbedingungen. Da sollte man flexibel bleiben und kreativ. Und grundsätzlich würde ich jungen Menschen raten, die vielen bestehenden Möglichkeiten zu nutzen, ganz unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Für besonders wertvoll halte ich es, jedenfalls auch einmal eine Auslandserfahrung zu machen – damit meine ich nicht einen Wochenendtrip oder einen einwöchigen Strandurlaub, sondern optimaler Weise einen längeren Aufenthalt, beispielsweise durch ein Praktikum oder eine Auslandssemester. Denn dies ist die beste Möglichkeit, um zu erproben, wie man Herausforderungen ganz alleine, fernab der vertrauten Umgebung, meistert. Aber das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung. Ich bin ja ein Junkie, wenn es um Reisen und um den Kontakt mit anderen Kulturen geht (sie schmunzelt)!

Redaktion: Danke für das Gespräch.

Wenn Unternehmertum und gesellschaftliche Verantwortung nicht nur Schlagworte sind, sondern auch gelebt werden, dann schafft das Raum für großartige Projekte. Um gesellschaftliche Innovationen voranzutreiben, benötigt es Menschen wie Marisa, die zielstrebig an der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen arbeiten und sich nicht auf ihrem Weg beirren lassen. Die schönsten und lehrreichsten Reisen finden zumeist fernab der geebneten Trampelpfade statt.

Redakteurin: Lilly Derndler/Super PR