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„Barrierefreiheit macht das Leben einfacher für alle!“

Wir haben uns mit Prof. Dr. Elmar Fürst, dem Vorstandsvorsitzenden der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, über sein persönliches Inklusionsverständnis, seine langjährige Erfahrung als Experte für barrierefreie Mobilität und die Auswirkungen der COVID-19 Krise auf das Leben blinder und sehbehinderter Menschen ausgetauscht.

Redaktion: Seit 2015 sind Sie Vorstandsvorsitzender der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, wie kam es zu diesem Engagement?

Elmar Fürst: Seit meiner Kindheit und Jugend war meine Sehbehinderung nie ein Thema, sie wurde mir nie als ein Hindernis vermittelt – weder in meiner Schulzeit noch in meiner Studienzeit. Meine Mutter hat das Thema von mir ferngehalten, mir klargemacht, dass ich alles schaffen kann und großes Potential habe, genauso wie ich bin. Zeit meines Lebens hörte ich: Jeder ist so wie er ist, hat seine eigenen Grenzen, aber auch seine eigenen Möglichkeiten. Dieser Zugang zu Inklusion hat mich auf meinem Weg sehr geprägt.

Erst 2007, also mit 33 Jahren, habe ich mich entschlossen, einen Feststellungsbescheid zu beantragen, mit dem man offiziell einen Behindertenstatus bekommt. Zu dieser Zeit war ich mir schon ausreichend selbst bewusst, was ich kann und was nicht und hatte den Wunsch, anderen zu vermitteln, dass man – trotz einer Einschränkung – seinen Weg machen kann. Außerdem war mein Interesse für die Thematik Inklusion und Barrierefreiheit geweckt. Kurz darauf führte ich an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo ich später dann habilitiert und Assoziierter Professor für Transportwirtschaft wurde, die erste Studie Österreichs zur „Mobilität sehbehinderter Menschen“ durch. 2009 kam ich dann im Rahmen dieser Studie erstmals in Berührung mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Ich wurde dann eingeladen, in den Vorstand zu kommen und später gefragt, ob ich Stellvertretender Vorsitzender und dann auch Vorsitzender werden wolle – eine sehr ehrenvolle aber auch mit großer Verantwortung verbundene Aufgabe.

Redaktion: Welches Fazit können Sie aus der damals durchgeführten Studie ziehen?

Elmar Fürst:
Meine These, dass zum Thema Mobilität viel für blinde Menschen gemacht wird – was natürlich gut ist – jedoch verhältnismäßig wenig für die sehr große Gruppe sehbehinderter Menschen, hat sich bestätigt. Dabei könnte man mit sehr einfachen Maßnahmen so viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Sehbehinderungen unterstützen: möglichst gleichmäßige, blendfreie Beleuchtung, gute Kontraste und die Annäherbarkeit von Information sind der Schlüssel zur Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderung.

Redaktion: Welche Themen beschäftigen Sie in Ihrer Rolle als Vorstandsvorsitzender der Hilfsgemeinschaft zurzeit am meisten?

Elmar Fürst: Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs erweitert sich und entwickelt sich weiter. Mit unserem neuen Standort in Floridsdorf kommen auch neue Projekte. Wir arbeiten momentan beispielsweis an der Umsetzung eines Kompetenzzentrums für Braille- und 3D-Druck, um noch schneller und effizienter Hilfsmittel für Blinde und Sehschwache zur Verfügung stellen zu können. Auch ein Co-Working Space mitsamt einem Start-up-Hub für aufstrebende Projekte und Betriebe von und/oder für behinderte Menschen ist im Aufbau. Darüber hinaus bauen wir unser aktuelles Angebot an Schulungen zu Themen wie Barrierefreiheit, Inklusion und Mobilität kontinuierlich aus. Neben all dem hält uns zusätzlich natürlich auch die COVID-19 Krise auf Trab, weil vieles wegfällt und vieles neu dazukommt, aber allesamt sehr mühsam und langwierig ist.

Redaktion: Stichwort COVID-19: Welche Auswirkungen hat die COVID-19 Krise Ihrer Meinung nach für blinde und sehschwache Menschen, und deren Mobilität?

Elmar Fürst: Im öffentlichen Verkehr und Außenraum hat sich wenig verändert, außer dass er durch Home-Office eben weniger genutzt wird. Größer sind die Auswirkungen im Innenbereich. Plötzlich stehen an ungewöhnlichen Stellen Plexiglasscheiben, um Ansteckungen zu vermeiden, und Absperrbänder, um Abstände zwischen den Menschen einzuhalten – allesamt neue Hindernisse für blinde und sehbehinderte Menschen. Auch die zwischenmenschliche Kommunikation wird durch COVID-19 erschwert. Der Mund-Nasen-Schutz sorgt für Verständnisprobleme, was vor allem für Blinde und Sehschwache, die überwiegend auf ihren Hörsinn angewiesen sind, schwierig ist. Noch dazu kommt, dass Berührungen, plötzlich als gefährlich wahrgenommen werden. Viele blinde und sehbehinderte Menschen, für die neben dem Hörsinn auch die Haptik, der Tastsinn, eine besondere Bedeutung hat, haben mittlerweile Angst hinauszugehen. Das alles kommt bei unserer Zielgruppe zu den allgemeinen Problemen durch Social Distancing wie Vereinsamung und psychische Belastungen noch erschwerend hinzu.

Redaktion: Als Mobilitäts-Experte: Abgesehen von Veränderungen durch COVID-19, von welchen aktuellen Entwicklungen und Zukunftsprognosen können Sie uns im Bereich Mobilität berichten?

Elmar Fürst: Zum Thema Barrierefreiheit und Mobilität gibt es leider immer noch sehr viel zu tun. Barrierefreiheit sollte, vor allem bei Neubauten und Stadterweiterungen, von Beginn an mitgedacht werden. Es muss endlich verstanden werden, dass Barrierefreiheit kein Nischenprogramm für ausgewählte Gruppen ist, sondern das Leben für alle Menschen einfacher und besser wird. Wir würden keinerlei Maßnahme zur Barrierefreiheit mittragen, die einer Gruppe nützt und einer anderen schadet. Die positiven Auswirkungen sind sozusagen holistisch. Trotzdem gibt es bisher nur recht allgemein gehaltene Rechtsvorschriften und viele Details sind in Normen geregelt, die oftmals zwar gut, aber nicht verbindlich einzuhalten sind. Hier müssen wir weiterkommen und die frühzeitige Einbindung von Vertreter*innen behinderter Menschen in Bauprojekte muss gesetzlich verankert werden. Momentan erfolgt die Konsultation oft viel zu spät. Es braucht ein Umdenken, einen Wandel, weg von einem medizinischen Verständnis hin zu einem sozialen Verständnis von Behinderung, also nicht „du bist behindert“ sondern „du wirst behindert“. Was ich damit sagen will: Oft ist nicht die körperliche oder geistige Behinderung das Problem, sondern das System, die herrschenden Rahmenbedingungen und Gegebenheiten, die Betroffene am „Weiterkommen“ hindern.

Redaktion: Auch bei discovering hands Österreich ist Mobilität ein großes Thema. Unsere momentanen Strukturen erfordern eine hohe Flexibilität und Mobilität unserer blinden und sehbehinderten Tastuntersucherinnen. Welche Tipps können Sie uns in diesem Zusammenhang mit auf den Weg geben?

Elmar Fürst: Setzt euch einerseits allgemein dafür ein, dass die Welt barrierefreier wird. Sprecht euch dafür aus, Wege für unterschiedliche Menschgruppen nutzbarer zu machen. Unterstützt andererseits eure Mitarbeiterinnen individuell dabei, mit den aktuellen Rahmenbedingungen bestmöglich umzugehen und leistet gegebenenfalls Hilfestellung durch persönliche Assistenz, Begleitung beim Erlernen von regelmäßigen Wegen oder technische Hilfsmittel. Gerne steht euch da auch die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs zur Seite.

Redaktion: Als Inklusionsexperte: Worin liegt Ihrer Meinung nach das größte Potential von discovering hands Österreich?

Elmar Fürst: discovering hands ist ein Paradebeispiel. Bei euch schafft, eine vermeintliche Schwäche, nämlich blind zu sein, eine Stärke, ja regelrecht die Voraussetzung dafür, den Beruf der Tastuntersucherin überhaupt ausüben zu können. Noch dazu gebt ihr Frauen mit Behinderung die Möglichkeit, diese Stärke für etwas total Sinnvolles einzusetzen: die Brustkrebsfrüherkennung. Hierin sehe ich unglaubliches Potential. Und ich wünsche euch von Herzen, dass ihr die rechtliche Anerkennung des Berufsbildes bald durchbringt und euer Konzept flächendeckend in Österreich umsetzen könnt. 

Redaktion: Zum Abschluss was Persönliches: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Elmar Fürst: Eine Welt, in der sich Menschen ihren Talenten, Begabungen und Stärken entsprechend individuell entwickeln können, in der Menschen frei leben können, einander unterstützen und friedvoll miteinander umgehen. Und, dass jeder seinen Beitrag dazu leistet.

Redaktion: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Redakteurin: Helena Gabriel

 

 

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