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Brustkrebs mit 32. Martina Hagspiel ist Kurvenkratzer, Stehaufmädchen und Mutmacherin

Wir schreiben September 2010: Die damals 32-jährige Martina Hagspiel erhält die Schockdiagnose Brustkrebs. Ab diesem Moment ist nichts mehr wie vorher – für immer. Martina erzählt uns im Interview, wie sie die Diagnose erlebt hat, warum Brustkrebsfrüherkennung so wichtig ist, was ihr in dieser schwierigen Zeit Kraft gegeben hat und warum das gesprochene Wort der Schlüssel zu unserer Seele ist.

Fotocredit: Caro Strasnik

Mehr als 5.000 Frauen erhalten in Österreich jährlich die Diagnose Brustkrebs - über 1.500 davon sterben an der Krankheit. Brustkrebs ist damit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Trotzdem handelt es sich dabei noch immer um ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Krebs macht sprachlos. Von einem offenen Umgang mit der Krankheit sind wir gesellschaftlich noch weit entfernt. Das Spektrum reicht von Verdrängung bis Angst. Angst, selbst einmal eine von den 5.000 Frauen zu sein. Selbst einer Krankheit ausgeliefert zu sein, die uns die Kontrolle über unser so scheinbar kontrollierbares Leben entzieht.

Im Jahr 2010 ist Martina Hagspiel eine unter diesen 5.000 Frauen. Zwischen den vielen Tränen, den Taschentüchern und der großen Angst muss sie allerdings wichtige Entscheidungen für ihre Behandlung treffen. Und Trost spenden:  Nicht nur sich selbst, sondern auch Freunden und Familie. Was ihr in dieser so schwierigen Zeit geholfen hat? Das gesprochene Wort, jede Menge Humor und die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Heute ist Martina Hagspiel glücklicher denn je. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben und spricht offen über ihre Diagnose und den Umgang mit Krebs. Mit Kurvenkratzer – InfluCancer bietet sie Betroffenen eine Plattform, sich über die Erkrankung und das Leben damit auszutauschen. Denn nur wer redet, der wird auch gehört.

Redaktion: Was bedeutet Krebs, insbesondere Brustkrebs, für dich persönlich?

Martina Hagspiel: Krebs ist nicht nur eine Diagnose und ein Tabuthema. Es ist auch ein Lebensumstand, den es zu integrieren gilt. Ein Lifestyle quasi. Egal, ob man davon als Patientin oder als Angehöriger betroffen ist. Der Krebs bestimmt nicht nur den gesundheitlichen Aspekt, sondern das komplette Leben.

Redaktion: Wie bist du selbst von Krebs betroffen und wie hast du deine Diagnose erlebt?

Martina Hagspiel: Ich wurde im September 2010 mit Brustkrebs diagnostiziert. Im ersten Moment bist du komplett paralysiert und kannst kaum Informationen aufnehmen. Es war daher wichtig für mich, bei einigen dieser Gespräche begleitet zu werden. Dadurch konnte ich die gehörten Inhalte nachbesprechen und diskutieren.

Vor allem die Zeit der Diagnose war eine der schwierigsten in meinem Leben. Überall ist Angst und Verzweiflung, man muss die anderen trösten, sich selbst trösten, Entscheidungen treffen, wieder trösten und noch mehr entscheiden.

Dazu kommt das Warten bis endlich alle Karten auf dem Tisch liegen. Ich hoffe sehr, dass ich das nicht wiederholen muss. Würde ich dies noch einmal erleben, dann würde ich zumindest eine Sache ändern: Ich würde all meine Liebsten zusammentrommeln und (sofern möglich) die Neuigkeiten allen gemeinsam gleichzeitig sagen. So kann man alles miteinander besprechen und die anderen können sich auch gegenseitig stützen.

Redaktion: Wie hat dein engstes Umfeld auf die Diagnose reagiert? Hättest du dir eine andere Reaktion gewünscht?

Martina Hagspiel: Nein, ganz im Gegenteil! Mein Umfeld hat großartig reagiert. Es war sofort sehr viel Hilfe und Zuspruch da. Besonders gefällt mir der schwarze Humor, der in meiner Familie und in meinem Freundeskreis durchaus verstärkt vorhanden ist.

Redaktion: Wie hast du dir in dieser Zeit Mut gemacht? Was hat dir in dieser Zeit Kraft gegeben?

Martina Hagspiel: Humor war immer eine meiner größten Ressourcen. Was mir auch sehr geholfen hat, war regelmäßige Bewegung und die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Wenn man sich sorgt, dann ist man mit seinen Gedanken entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Im Jetzt sind die Dinge oftmals ein wenig einfacher.

Ich habe auch sehr viel mit Affirmationen gearbeitet. Das sind kurze Botschaften, positive Sätze, für das innere Ich, mit denen man eine bewusst gewünschte Haltung formuliert. Durch die ständige Wiederholung dieser kurzen Sätze übertönt man sorgenvolle und negative Gedanken.

Redaktion: Wie hat sich dein Leben seit der Diagnose verändert?

Martina Hagspiel: Ich bin deutlich glücklicher als früher. Ich brauche nicht mehr so viel Sachen um mich herum, ich lebe viel zurückgezogener, ich raste viel mehr bzw. mache aktive Pausen ohne Begleitung von anderen Menschen. Ich achte bewusst auf meine Ernährung und bemühe mich, sehr regelmäßig Bewegung zu machen. Ich versuche oft nein zu sagen (das gelingt mir nicht immer gleich gut). Ich habe Dinge und Menschen, die mein Energieniveau massiv belasten oder laufend Negatives in mein Leben bringen, aktiv ziehen lassen.

Redaktion: Wie wichtig ist aus deiner Sicht Brustkrebsfrüherkennung?

Martina Hagspiel: Extrem wichtig! Umso früher Brustkrebs erkannt wird, umso besser sind die Heilungschancen! Vor allem wichtig, da ich inzwischen auch sehr viele junge Frauen kenne, die mit diesem Thema konfrontiert sind.

Redaktion: Welche Rolle siehst du hier für discovering hands?

Martina Hagspiel: Eine der größten Chancen aus meiner Sicht ist die Tatsache, dass es eine wunderbare Ergänzung zu der üblichen Routineuntersuchung ist – vor allem für Frauen, die sich noch eine weitere Sicherheit in der Vorsorge wünschen.

Die Tastuntersuchung ist auch in der medizinischen Routine als eine Standarduntersuchung vorgesehen. In der Praxis wird diese leider oftmals nicht so genau durchgeführt, wie man sich das eventuell vom behandelnden Arzt wünschen würde. Durch das systematische Vorgehen der Tastuntersucherinnen wird wirklich jedes Areal genauestens untersucht. In Kombination mit der Bildgebung durch Mammographie und Sonographie, darf man sich selbst dann beruhigend auf die Schulter klopfen.

Was mir darüber hinaus besonders gut gefällt ist, dass blinden Frauen mit der Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin eine neue berufliche Option geboten wird. Schon alleine deshalb finde ich discovering hands großartig.

Redaktion: Du hast Kurvenkratzer – InfluCancer ins Leben gerufen. Wie kam es dazu und worum geht es dabei konkret?

Martina Hagspiel: Ich habe mich im Zuge meiner eigenen Geschichte sehr viel mit anderen KrebspatientInnen unterhalten und festgestellt, dass wir alle eine andere Herangehensweise, andere Lösungsansätze und einen unterschiedlichen Umgang mit der Erkrankung haben. Ich selbst war auf der Suche nach Erfahrungswerten von anderen, die mir und meinem Umfeld davon erzählen was passieren könnte, wie man es lösen könnte, was leicht geht und wovor ich gewarnt sein muss. So kam mir die Idee von Kurvenkratzer – InfluCancer.

Wir produzieren Video-Interviews mit Krebs-PatientInnen, mit deren Angehörigen und mit medizinischem Personal und lassen unsere InterviewpartnerInnen anhand von sechs bis acht Fragen ihren Umgang mit dem Thema Krebs erklären. Wir sind also ein digitaler Erfahrungsschatz. Unser Slogan lautet: Egal wie Du über Krebs sprichst. Hauptsache Du tust es.

Und das meinen wir auch so. Um dem Ganzen ein wenig mehr Öffentlichkeit zu geben, haben wir im Herbst eine große Medienkampagne namens „Talk about Cancer“ gemacht. Wir sind auch in den sozialen Medien sehr aktiv und versuchen durch unsere verschiedensten Beiträge, Inhalte oder Statements zu finden, über die sich die Community unterhalten, informiert oder verstanden fühlt.

Redaktion: Du sagst, dass Krebs ein Tabuthema ist, welches mit viel Angst besetzt ist. Was soll und muss sich in der öffentlichen Wahrnehmung ändern?

Martina Hagspiel: Nicht, was die Dinge wirklich sind, sondern wie sie in unserer Auffassung erscheinen, macht uns ohnmächtig oder eben auch nicht. Daran müssen wir arbeiten, denn sonst können wir mit dem Thema Krebs nicht „normal“ umgehen.

In diesem Zusammenhang gefällt mir ein ganz einfaches Reframing – also ein neuer Bezugsrahmen. Man stelle sich vor, dass man mit KrebspatientInnen so spricht, als wäre ihr Krebs ein Gips. Dort haben wir auch nicht die Scheu zu fragen ob es weh tut, wie lange es noch dauert, was danach passiert und ob man was Schönes draufmalen darf. Ich würde mir wünschen, dass wir einen ähnlich unbefangenen, vielleicht sogar mutigen oder frechen Umgang mit Krebs finden.

Auch glaube ich, dass es sehr wichtig ist, eine Krebserkrankung als Lebensumstand, also als Lifestyle, zu erkennen. Auch wenn man seitens der Medizin als gesund entlassen ist. Da ist immer noch die Fatigue, da sind oftmals Schmerzen und eine geringere Belastungsgrenze. Hier sollte mehr Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass PatientInnen immer noch mit den Nachwehen der Erkrankung konfrontiert sind. Und die gehen in der Regel auch nicht mehr weg.

Redaktion: Was gibst du anderen Brustkrebspatientinnen mit auf dem Weg?

Martina Hagspiel: Reden, reden, reden. Nur wer redet, wird erkannt. Wer sich erklärt, kommt in den Austausch. Wer offen ist, darf sich von den Anderen eine passende Reaktion erwarten. Und wenn das dann noch immer nicht passiert? Dann weiterreden, reden, reden.

Ich glaube auch, dass der Kontakt und Austausch mit anderen PatientInnen ausgesprochen gut tut. Dies kann digital oder physisch erfolgen. Unsere Community findet man z.B. auf Facebook und Instagram und natürlich auf www.kurvenkratzer.at.

Wer uns unterstützen möchte, kann dies in Form einer Mitgliedschaft in unserem Verein und in Form von Blogbeiträgen auf der Website tun. Wir freuen uns über jeden Zuwachs!

Ab Mitte des Jahres werden wir mit unserem Newsletter „Talk about Cancer“ starten. Wer sich dafür interessiert kann sich gerne über kurvenkratzer@kurvenkratzer.at anmelden.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

Martina Hagspiel ist ein wahres Stehaufmädchen. Die Diagnose Brustkrebs, der Kampf, die vielen Tränen, die Wut: All diese Erfahrungen haben sie zum Kurvenkratzer und zur Mutmacherin gemacht.Ein standfester und optimistischer Auftritt, welcher online auf der Website www.influcancer.com anderen PatientInnen so viel Kraft schenkt. Dort werden sie nicht nur ermutigt: Sie haben auch zugleich die Möglichkeit, sich all ihre Gedanken von der Seele zu schreiben und dabei von Gleichgesinnten verstanden zu werden.

Redakteurin: Vanessa Toth/Super PR