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„Was eine Maschine nie beherrschen wird, ist Mitgefühl und Liebe zum Menschen“

Katja Österreicher, Leiterin des Innovationsmanagements bei der Vinzenz Gruppe, im Gespräch über die Chancen und Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung des Gesundheitswesens und warum man sich vor Innovationen in diesem Bereich nicht fürchten muss.

Katja Österreicher © K. Österreicher

Katja Österreicher hat es sich als Leiterin des Innovationsmanagements bei der Vinzenz Gruppe zur Aufgabe gemacht, digitale und zugleich analoge Innovationen im Gesundheitssystem zu etablieren. Ihr Ziel hierbei ist es, sich die Chancen und Vorteile der Digitalisierung in der tagtäglichen Krankenhausroutine zu Nutzen zu machen, um mehr Zeit für die analoge Patientenbetreuung zu schaffen. Wie ÄrztInnen als auch PatientInnen von einer solchen Umstellung profitieren könnten und welche Rolle sie für discovering hands sieht, hat sie uns in einem persönlichen Gespräch erzählt.

Redaktion: Liebe Frau Österreicher, wir würden gerne mit einer persönlichen Frage beginnen. Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Katja Österreicher: Oberste Priorität in meinem Leben hat meine Familie, Gesundheit, gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen. Ich finde es spannend, vielen unterschiedlichen Menschen zu begegnen und mit ihnen gemeinsam Erfahrungen und Lebensgeschichten auszutauschen, und sie gegebenenfalls ein Stück ihres Lebensweges begleiten zu dürfen.

Redaktion: Jetzt zu Ihrer beruflichen Funktion: Als Leiterin des Innovationsmanagements bei der Vinzenz Gruppe verbinden Sie Ihre Erfahrungen und Kompetenzen aus Medizin und Wirtschaft. Was sind in dieser Funktion Ihre Aufgaben und welches Ziel verfolgt die Vinzenz Gruppe im Innovationsbereich?

Katja Österreicher: Ich freue mich sehr, dass die Vinzenz Gruppe diesen aktiven Schritt gesetzt und mit Juni 2019 diese Position besetzt hat. Somit ist die Vinzenz Gruppe einer der ersten Gesundheitsträger in Österreich, der eine solche Position überhaupt geschaffen hat. Meine Aufgabe ist die Entwicklung und Koordination der Innovationsstrategie für die Vinzenz Gruppe als Verbund von Gesundheitseinrichtungen, mit dem Ziel der systematischen Einführung von Innovationsaktivitäten und der Schaffung von Innovationskompetenz in der Vinzenz Gruppe. Das Innovationszentrum wird zukünftig digitale und analoge Erneuerungen entwickeln, umsetzen und integrieren, um die Zufriedenheit, das Service und die Qualität für unsere PatientInnen zu verbessern, unsere MitarbeiterInnen in ihrem klinischen Alltag zu entlasten und Prozesse zu optimieren. 

Redaktion: Ihre Meinung als Expertin: Welchen Einfluss wird die zunehmende Digitalisierung auf das Gesundheitswesen nehmen? Worin sehen Sie positive und worin negative Aspekte?

Katja Österreicher:.Eine große Chance der Digitalisierung sehe ich in einer besseren Vernetzung im Gesundheitssystem, in einer verbesserten Betreuung von Menschen in ländlichen bzw. unterversorgten Bereichen, in einer Vereinfachung des Patientenmonitorings im Bereich der Polypharmazie (gleichzeitigen Verordnung mehrerer Medikamente bei einem Patienten) und einer hiermit einhergehenden langfristigen Kosteneinsparung durch Effizienzsteigerung. Digitalisierung wird aber auch unser Bildungssystem verändern und zur Entstehung von neuen Gesundheitsberufen der Zukunft führen, die unsere PatientInnen und MitarbeiterInnen unterstützen werden. Zudem macht die Digitalisierung PatientInnen der Zukunft autonomer, indem sie einerseits die Möglichkeit bietet, sich intensiver in ihren Behandlungsprozess einzubringen und andererseits mehr Verantwortung über ihre Daten zu erlangen. Wer darf auf meine Gesundheitsdaten zugreifen und wer nicht? Wem gebe ich bestimmte Gesundheitsdaten frei? Fragen wie diese sind essenziell und wir von der Vinzenz Gruppe möchten hierbei definitiv mitgestalten und eine Vorreiterrolle im österreichischen Gesundheitssystem einnehmen. Die Digitalisierung ist eine Chance, die wir nutzen wollen.

Dabei haben wir stets im Hinterkopf, dass die Vorstellung einer digitalisierten Medizin teilweise unangenehme Gefühle weckt, und das nicht nur bei älteren Menschen. Einerseits, da das Thema Digitalisierung in der Vergangenheit nicht ausreichend erklärend kommuniziert wurde, andererseits, weil es die Befürchtung gibt, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen zu Überwachung, Überforderung und Isolation führen könnte. Umso mehr Bedarf es im Gesundheitswesen ein besonderes Einfühlungsvermögen, Kommunikation in Augenhöhe und Wertschätzung – Eigenschaften, die in unseren Gesundheitseinrichtungen gelebt werden.

Redaktion: Stichwort „Künstliche Intelligenz“ – auch diese hält ins Gesundheitswesen Einzug. Welche Rolle spielt in Zukunft die menschliche Zuwendung? Brauchen wir in Zeiten wie diesen überhaupt noch analoge Innovationen wie discovering hands? 

Katja Österreicher: Man weiß inzwischen, dass künstliche Intelligenz, also eine Maschine, die im Hintergrund arbeitet, sehr viele Vorteile gegenüber dem Menschen hat. Sie kann zum Beispiel bestimmte Prozesse objektiver, schneller und teilweise präziser auswerten als wir Menschen. Die Angst, dass damit die ÄrztInnen und das Pflegepersonal verschwinden würden, ist aber unbegründet, denn was eine Maschine nie beherrschen wird, ist die Empathie, also das Mitgefühl und die Liebe zum Menschen. Und genau das sind die wahren Aufgaben der ÄrztInnen und des Pflegepersonals – sie könnten mehr Zeit dafür finden, wenn Routineaufgaben maschinell durchgeführt würden.

Ja, wir benötigen auch analoge Innovationen, wie z.B. discovering hands - ich betone immer, dass Innovation nicht nur digital, sondern auch analog sein kann!

Redaktion: Wie können (Sozial)Unternehmen zu einer Verbesserung des Gesundheitssystems beitragen? Welche Rolle haben Sozialunternehmen wie discovering hands?

Katja Österreicher: discovering hands ist ein außergewöhnliches Projekt im Bereich der analogen Innovationen. Was das Potenzial zur Steigerung der Qualität der klinischen Brustuntersuchung betrifft, müssen wir natürlich noch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie abwarten. Unbestreitbar ist allerdings der Benefit, durch die Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) das Bewusstsein für die Bedeutung der Vorsorgeuntersuchung zu erhöhen und vor allem, dass den Patientinnen ein besonders hohes Maß an Zuwendung geschenkt wird. Sie bringen den empathischen Faktor herein, von dem ich vorher gesprochen habe.  

Redaktion: Sie unterstützen discovering hands ja auch persönlich als Botschafterin. Warum liegt Ihnen die Initiative am Herzen?

Katja Österreicher:  Ich selbst beschäftige mich bereits seit 2002 mit Innovationen im Gesundheitswesen, ich habe zu diesem Thema schon viel gesehen. Das Projekt discovering hands an sich ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Es fördert das Bewusstsein für die Relevanz von Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen. Deshalb sehe ich sehr viel Potenzial im Bildungs- und Vorsorgebereich für dieses Projekt.

Besonders eindrucksvoll für mich ist, dass durch discovering hands neue Arbeitsplätze für eine sozial schwache Gruppe geschaffen werden. Nämlich für blinde Frauen, die per se sehr schwer in den Arbeitsprozess integriert werden können. Nachhaltige und wertschöpfende Innovationsprojekte sind mir ein besonderes Anliegen.

Eine weitere Gruppe, die mir einfällt, die von discovering hands profitiert, sind Frauen mit Migrationshintergrund, die ja auf Grund der familiären Gegebenheiten und ihren Traditionen oft andere Voraussetzungen für den Zugang zum Gesundheitssystem haben als wir österreichischen Frauen. Allein die Tatsache, dass es in Österreich nach wie vor weniger Gynäkologinnen als Gynäkologen gibt, erschwert für solche Frauen den Zugang zur Vorsorge, da zum Beispiel viele Ehemänner einen männlichen Gynäkologen nicht so einfach akzeptieren würden.

Redaktion: Sie haben selbst am Studienprojekt teilgenommen und eine Tastuntersuchung erhalten. Wie war Ihre Erfahrung damit?

Katja Österreicher: Ich habe die Tastuntersuchung als sehr angenehme und professionell durchgeführte Untersuchung wahrgenommen. Zudem kann ich mir vorstellen, dass sehr viele Frauen lieber von einer Frau untersucht werden als von einem Mann und es ein großer Vorteil für alle Frauen sein kann, Tastuntersuchungen durch speziell ausgebildete Frauen durchführen zu lassen.

Redaktion: Und last but not least: Wie sehen Sie die Zukunft von discovering hands Österreich? Worin sehen Sie das Potenzial?

Katja Österreicher:  Die Vinzenz Gruppe hat discovering hands bereits während der Ausbildung der ersten MTUs Österreichs unterstützt. Die MTUs konnten im St. Josef Krankenhaus mit Unterstützung des Teams rund um Herrn OA Dr. Ulrich Schmidbauer praktische Erfahrungen sammeln – insbesondere durch die Teilnahme an den wöchentlichen Mammaboards. Wir würden uns freuen, wenn die Ergebnisse der Studie auch medizinisch relevant sind, denn das wäre für die Einführung in die empfohlene Vorsorgeuntersuchung im österreichischen Gesundheitssystem und für die Refundierung der Behandlung eine wesentliche Voraussetzung.

Ich sehe die Zukunft von discovering hands Österreich als sehr positiv und vielversprechend. Wir würden auf jeden Fall auch weiterhin als Ausbildungsstätte für die MTUs sehr gerne zur Verfügung stehen.

Danke für das interessante und offene Gespräch!

Katja Österreicher hat von Kindheit an im Familienbetrieb mitgearbeitet und sich bereits in jungen Jahren mit Marketing und Vertriebsstrategien beschäftigt. Während des Medizinstudiums sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Medizinischen Universität Wien hat sie vor allem ihre naturwissenschaftliche Kompetenz erlangt. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat sie 2003 ein österreichisches Start-up, TissueGnostics GmbH, welches sich mit digitalen Lösungen für Bildanalyse, Qualitätsmonitoring und personalisierter Medizin beschäftigt, gegründet. Dieses Medizintechnikunternehmen besteht bis heute und ist international etabliert. An der Wirtschaftsuniversität Wien hat sie den MBA für Professional Health Care Management absolviert. Sie ist Botschafterin bei discovering hands und Mentorin beim Health Hub Vienna sowie beim Startup Camp des Wiener Gründerservice INiTS. Nach mehreren Jahren als Startup-Consulterin in der Gesundheitsbranche hat sie im Juni 2019 die Leitung des Innovationsmanagements der Vinzenz Gruppe Österreich übernommen.

Redakteurin Caro Koppensteiner/SuperPR