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Taktiles Talent: Jacqueline Garas hat ihren Traumberuf gefunden

Die Medizinisch-Taktile Untersucherin über mentale und physische Barrieren und wie discovering hands ihr geholfen hat, diese Hemmschwellen zu überwinden

Jacqueline Garas (Bildrecht: Simapix)

Die studierte Soziologin und Mutter zweier Kinder ist seit ihrer Kindheit sehbehindert. Als Jacqueline Garas, kurz „Jacky“, von Ägypten nach Österreich zog, konnte sie kaum Deutsch und hatte große Scheu mit Menschen zu sprechen. Durch Ihre Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin (MTU) hat sie ihre persönliche Passion, Menschen zu helfen, zum Beruf gemacht und dabei massiv an Selbstbewusstsein gewonnen.

Redaktion: Liebe Jacky, wie kam es zum Verlust deiner Sehkraft?

Jacky: Ich bin schon seit Kindestagen sehbehindert. Meine Krankheit ist genetisch bedingt, meine Cousine hat sie ebenfalls. Als Kind konnte ich noch auf beiden Augen sehen, allerdings schon damals sehr schlecht. Ich musste mich mehreren Operationen unterziehen und hätte sehr viele Übungen machen sollen. Doch als Kind hatte ich natürlich andere Prioritäten und so sehe ich heute auf dem linken Auge gar nichts, auf dem rechten habe ich noch einen gewissen Sehrest. Aber zu 90% bin ich sehbehindert.

Redaktion: Wie meisterst du dennoch deinen Alltag?

Jacky: Das größte Problem stellt für mich eine Situation dar, die ich das erste Mal bewältigen muss, da ich die Umgebung noch nicht kenne. Hierzu brauche ich immer eine Begleitperson, die mit mir den Weg abgeht und mich unterstützt.  Beim zweiten Mal schaffe ich es dann alleine. Ich präge mir Wege und deren Gegebenheiten ganz genau ein und nutze beispielsweise für die öffentlichen Verkehrsmittel eine App, die mir genau sagt, wo ich wann umzusteigen habe. Im Winter jedoch, wenn es sehr eisig ist und die Straßen verschneit sind, habe ich große Probleme, mich zu orientieren, und bin auf Hilfe angewiesen. In meinem Zuhause aber kenne ich mich aus und habe so keinerlei Probleme. Einkäufe erledige ich immer mit meinem Mann oder mit meinen Kindern. Technische Geräte habe ich in Blindenschrift eingestellt und kann diese so ebenfalls nutzen.

Redaktion: Du musst dich im Alltag ja auch oft auf deinen Tastsinn verlassen, inwieweit schärft sich dieser?

Jacky: Mein Gehörsinn ist besonders gut ausprägt, genauso wie mein Tastsinn. Dieser hat sich jedoch während meiner Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin noch verstärkt. Ich kann nun beispielsweise in einem dunklen Zimmer ein bestimmtes Kleidungsstück im Kasten ertasten.

Redaktion: Was zeichnet dich als Person aus? Wie bringst du deine „Feinfühligkeit“ in deinen Alltag ein?

Jacky: Ich liebe es, Leuten zu helfen, sei es beruflich oder privat. Das ist meine ganz persönliche Passion und daraus schöpfe ich auch meine Kraft. Die Arbeit mit den Patientinnen macht mich glücklich und bestärkt mich in meiner Annahme, den richtigen Beruf auszuüben. Auch neben meinem Job engagiere ich mich gerne für andere Menschen. Ich habe beispielsweise in Traiskirchen im Flüchtlingslager einmal pro Woche als Übersetzerin geholfen.

Redaktion: Wie bist du auf discovering hands aufmerksam geworden?

Jacky: Ich komme ursprünglich aus Ägypten und habe dort Soziologie studiert. 1999 entschieden mein Mann und ich nach Österreich zu ziehen. Nach der Geburt meiner beiden Kinder wollte ich wieder einer Arbeit nachgehen und so erfuhr ich 2014 vom Blindenverband Wien von der Möglichkeit als Medizinisch-Taktile Untersucherin zu arbeiten. Obwohl ich noch nie zuvor im medizinischen Bereich gearbeitet hatte, klang es für mich nach einer tollen Möglichkeit meine Einschränkung zu meiner Begabung zu machen.

Redaktion: Wie lief der Bewerbungsprozess ab?

Jacky:Dr. Frank Hoffmann und zwei Trainerinnen leiteten das Assessment Center, welches vier Tage dauerte. Am Ende von diesem musste man einen Test über medizinische Begriffe bestehen sowie ein psychologisches Gespräch absolvieren. Insgesamt waren 20 Frauen eingeladen worden, aber nur vier wurden für die Ausbildung ausgewählt. Ich hatte das Glück und war eine von ihnen.

Redaktion: Wie gestaltete sich dann die Ausbildung zur MTU?

Jacky: Die Ausbildung dauerte ganze neun Monate lang. Anfangs hatte ich große Probleme mit der Sprache, da ich kaum Deutsch konnte. Doch ich gab nicht auf und absolvierte letztlich die Abschlussprüfung als Beste der ganzen Gruppe. Danach folgte ein vier monatiges Praktikum, das ich bei Dr. Michael Medl und im Therapiezentrum Liesing absolvierte. Seit dem 1. Juni 2016 bin ich nun offiziell als MTU bei discovering hands angestellt.

Redaktion: Was war dein emotionalster Moment mit deinen Patientinnen?

Jacky: Einmal kam eine circa 40-jährige Frau zu mir, die ihre Mutter an Brustkrebs verloren hatte. Sie hatte aufgrund dieser negativen Erfahrung natürlich große Angst, dass ich etwas ertasten könnte und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich versuchte sie während der Untersuchung zu beruhigen, abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen. Wir redeten über Gott und die Welt und am Ende der Behandlung bedankte sie sich und fragte, ob sie mich umarmen dürfte.

Auch während meines Praktikums bei Dr. Michael Medl wurde ich einmal ins Behandlungszimmer gerufen, da bei einer Araberin eine Biopsie durchgeführt wurde, die keinerlei Deutschkenntnisse besaß. Ich erinnerte mich an meine Anfangszeit in Österreich und wusste daher, wie schwierig die Sprachbarriere war. Ich erklärte ihr die Behandlung genauestens auf Arabisch und versuchte ihr die Angst zu nehmen. Aus dieser Begegnung hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt. Als ihr daraufhin in einem Wiener Spital ein Knoten entfernt wurde, begleitete ich sie ebenfalls und unterstütze sie.

Redaktion: Auf vielen medizinischen Berufen lastet ein gewisser Druck, da es um Menschenleben geht, wie gehst du damit um?

Jacky: Anfangs war die Verantwortung sehr schwierig für mich, ich dachte auch zu Hause darüber nach, ob ich sorgfältig genug die Brust abgetastet und nichts übersehen hatte. Mit der Zeit ist es jedoch leichter geworden, ich habe gelernt zwischen Beruflichem und Privatem zu trennen. Natürlich bewegen mich gewisse Situationen immer noch sehr, doch ich versuche mich immer davon abzugrenzen. Ich bin keine Ärztin und kann deshalb auch keine Diagnose stellen, aber ich gebe tagtäglich mein Bestes, um Ärzte mit einer weiteren Methode der Früherkennung zu unterstützen.

Redaktion: Aufgrund deiner Sehbehinderung kannst du Angst oft nicht im Gesicht der Patientinnen ablesen, wie spürst du diese?

Jacky: Ich merke es an ihrer Atmung und an der Energie, die sie umgibt. Manche Frauen weinen während der gesamten Behandlung hindurch. Hier versuche ich sie mit Gesprächen aufzufangen. Man könnte sagen, dieser Beruf hat auch etwas von einem Beruf einer Psychologin. Ich erfahre während der Behandlung so viel von meinen Patientinnen und wenn sie mein Behandlungszimmer mit einem Lächeln verlassen, weiß ich, dass ich gute Arbeit geleistet habe.

Redaktion: Brustkrebs sowie die Methoden zur Früherkennung sind immer noch ein Tabuthema in der heutigen Gesellschaft. Was wünscht du dir zum Umgang mit diesem Thema?

Jacky: Ich wünsche mir, dass dieses Tabu endlich gebrochen wird. Früherkennung ist so wichtig, weil die Heilungschancen wesentlich steigen, je früher man es erkennt. Jede Frau sollte sich selbst abtasten und offen über ihre Ängste reden können. Ich versuche auch immer meine Familie in Ägypten zu überzeugen, zur Mammografie zu gehen. Doch stoße hier oft auf Unverständnis und niemand möchte offen darüber reden. Brustkrebs darf kein Tabuthema mehr sein und das versuche ich auch meinen Patientinnen zu vermitteln.

Redaktion: Was hast du durch discovering hands gelernt?

Jacky: Ich habe durch meine Arbeit massiv an Selbstbewusstsein gewonnen. Anfangs konnte ich kaum Deutsch und war aufgrund der Sprachbarriere auch sehr gehemmt und hatte große Scheu mit Menschen zu sprechen. Ich absolvierte aber mehrere Sprachkurse und heute habe ich den Mut offen zu sprechen, da ich mich auch jeden Tag mit meinen Patientinnen unterhalten muss. Natürlich mache ich nach wie vor grammatikalische Fehler, doch ich schäme mich nicht mehr dafür. Österreich ist meine Heimat geworden und ich bin sehr froh und stolz darauf Österreicherin zu sein.

Redaktion: Wie siehst du deine Zukunft, bezogen auf discovering hands?

Jacky: Ich hoffe sehr, dass diese Studie Erfolg hat und der Beruf der MTU offiziell anerkannt wird. Es ist eine großartige Möglichkeit für behinderte Menschen, Patientinnen und Ärzte, jeder kann davon profitieren. Ich, für meinen Teil, kann jedenfalls sagen, dass ich meinen Traumberuf gefunden habe.

Redaktion: Danke für das Gespräch.

Redakteurin: Lilly Derndler/SuperPR