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"Man muss vor allem über Tabus sprechen"

Dr.in Mag.a Gabriele Sprengseis, MSc., ehemalige Geschäftsführerin des Österreichischen Behindertenrats, im Gespräch mit discovering hands über die Bedeutsamkeit von Women Empowerment, das Schaffen von Barrierefreiheit in der digitalen Welt und darüber, wie wichtig es ist, weiterhin Aufklärung zu betreiben.

Redaktion: Bis vor Kurzem waren Sie Geschäftsführerin des Österreichischen Behindertenrates, haben Sie sich schon lange für die Anliegen von Menschen mit Behinderung eingesetzt. Wie kam es zu Ihrem Engagement für dieses Thema?

Gabriele Sprengseis: Da gibt es wahrscheinlich mehrere Gründe: Einerseits aus einem familiären Kontext, da ich einen Bruder in meinem Alter habe, der seit seinen frühen erwachsenen Jahren unter einer psychischen Behinderung leidet. Auch meine Frau hatte einen – mittlerweile leider verstorbenen – Bruder, der Trisomie 21 hatte.
Geprägt hat mich aber auch, dass ich in meiner Schulzeit in Melk eine der ersten Integrationsklassen des Landes besucht habe. Ich ging damals in den musischen Zweig und war mit Otto Lechner, einem blinden Musiker, befreundet. Das war eine sehr bereichernde Zeit. Otto habe ich zu verdanken, dass ich durch ihn nicht nur viel über Musik gelernt, sondern Musik auch hören gelernt habe.
Von meiner Seite gibt es aber auch eine ganz persönliche Betroffenheit: Vor sieben Jahren bin ich an Brustkrebs erkrankt und nach zwei Operationen wurde mir schließlich eine Brust abgenommen. In Österreich wird man im Falle einer Brustkrebserkrankung in der Regel für die Dauer von fünf Jahren mit einem Behinderungsgrad von 50 eingestuft. Danach wird man auf 40 heruntergestuft, obwohl man eine Brust verloren hat.

Redaktion: Woher nehmen Sie Ihre Kraft, Ihre Motivation?

Gabriele Sprengseis: Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten haben mich immer schon gestört und tun es nach wie vor. Vor allem, weil es schon lange verankerte Menschenrechte gibt. Die Frauenrechtskonvention gibt es bereits mehr als drei Jahrzehnte, die Behindertenrechtskonvention über ein Jahrzehnt. Trotz dieser echten, total starken Verankerung gibt es jedoch noch immer viel zu große Unterschiede zwischen dem, was am Papier steht, und wie das Alltagsleben tatsächlich aussieht.
Ich praktiziere aber auch seit Jahren Qigong, TaiChi und Meditation, und das hilft mir oftmals sehr. Darüber versuche ich immer wieder – was in unserer digitalen Welt gar nicht so einfach ist - mich auf das wirklich Wesentliche zu fokussieren, und das gibt mir Kraft!

Redaktion: Nach wie vor bestehen auch in Österreich für Menschen mit Behinderung massive Benachteiligungen und Ungleichbehandlungen. In welchen Bereichen sehen Sie hier noch den meisten Handlungsbedarf und wo konnte bereits viel erreicht werden?

Gabriele Sprengseis: Man muss vor allem über Tabus sprechen, da diese massiv vorhanden sind. Gleichzeitig muss man viele positive Beispiele aufzeigen. Das soziale Model von „Behinderung“ ist noch immer nicht fest in den Köpfen der Menschen verankert – obwohl ein riesiger Paradigmenwechsel von der UN-Behindertenrechtskonvention eingeleitet wurde. Das ist zwar bitter, aber hier muss man massiv dranbleiben und Aufklärung betreiben. Denn das soziale Model von Behinderung ist natürlich der Ausgangspunkt, um überhaupt den Weg zur Inklusion beschreiten zu können.

Redaktion: Sehen Sie da schon Dinge, die erreicht wurden?

Gabriele Sprengseis: In der UN-Behindertenrechtskonvention gibt es – konkret in Artikel 6 – eine doppelte Verankerung des Nichtdiskriminierungsprinzips. Demnach muss gewährleistet sein, dass Frauen und Mädchen mit Behinderung alle Menschenrechte und Grundfreiheiten voll und gleichberechtigt mit anderen genießen können. Und das braucht man für alle Menschen mit Behinderung. Wir brauchen Disability Mainstreaming und diese doppelte Verankerung. Jetzt sogar mehr als zuvor. Diversität wird leider noch lange nicht breit gelebt. Denn wenn es keine persönliche Betroffenheit gibt, passiert nichts.

Redaktion: Welche Auswirkungen hatte die COVID-19-Krise Ihrer Meinung nach für Menschen mitBehinderung, insbesondere für Blinde und Sehschwache?

Gabriele Sprengseis: Tasten, Greifen und Nähe sind besonders wichtig für blinde und sehbehinderte Menschen. Wenn dann plötzlich ein Abstand von 1,5 bis 2 Metern eingehalten werden muss und sich das Hören über den Mund-Nasen-Schutz sowie Plexiglasabtrennungen verzerrt, werden die ohnehin bestehenden Einschränkungen nochmals verschärft. Das alles hat das Leben für Blinde und Sehschwache in der Pandemiezeit besonders schwierig gemacht.

Redaktion: Was könnte man machen, um diese Situation für Menschen mit Behinderung zu erleichtern?

Gabriele Sprengseis: Man könnte viel machen! Zum Beispiel das Angebot von persönlicher Assistenz – natürlich geimpft oder getestet - rigoros erhöhen sowie Menschen mit Behinderung beim Impfen vorreihen. Und es bräuchte einen enormen Schub für Barrierefreiheit auch in der digitalen Welt. Trotz bestehender Richtlinien steckt dieses Thema leider noch immer in den Kinderschuhen. Mit Ausnahme der staatlichen gibt es kaum Apps und Plattformen, die tatsächlich barrierefrei sind. Und auch diese sind nicht immer optimal. Auch hier zeigt sich, wenn es bei Menschen, die in der Entwicklung von digitalen Projekten arbeiten, keine persönliche Betroffenheit oder Berührung mit behinderten oder blinden und sehschwachen Menschen gibt, dann ist die digitale Barrierefreiheit kein Gedanke.
Während eines Accessibilty Days vor fünf Jahren habe ich andere Teilnehmer gefragt, wie es mit Alternativtexten für Bilder aussieht. Damals konnte man auf Twitter noch keine Alternativtexte für Fotos hinterlegen für twitternde Blinde und Sehschwache. Mittlerweile geht das, jedoch wissen das viele nicht. Wer kennt schon die barrierefreien Anwendungen von Microsoft Word, wenn sie nicht selbstverständlich kommuniziert bzw. vermittelt werden? Weiß man diese Dinge, dann ist es einfach und man integriert sie in sein Tun.

Redaktion: Haben Sie Tipps für Leserinnen wie man digital Barrierefreiheit schaffen kann?

Gabriele Sprengseis: Die Funktion für Alternativtexte, um Bilder kurz zu beschreiben, sollte jeder ganz selbstverständlich nutzen. Diese Funktion gibt es nicht nur bei Twitter, sondern auch bei Facebook, Instagram und LinkedIn. Formatvorlagen bei Textverarbeitungsprogrammen verwenden.
Beim Erstellen von Homepages und Anwendungen darauf achten, dass diese barrierefrei gestaltet werden.
Und natürlich darüber zu reden!

Redaktion: Im Februar wurde ein Sonderbericht der Volksanwaltschaft betreffend "Keine Chance auf Arbeit – Die Realität von Menschen mit Behinderung“ inkl. notwendiger Maßnahmen für einen inklusiven Arbeitsmarkt im Nationalrat debattiert, dann jedoch von der Regierung abgelehnt. Worin sehen Sie die größten Herausforderungen im Bereich Arbeit für Menschen mit Behinderung? 

Gabriele Sprengseis: Die größte Herausforderung ist sicherlich der Abbau von Vorurteilen, es müssen die Potentiale erkannt werden.
Ablehnungen erfolgen in der Politik meist aufgrund von parteipolitischem Hickhack. Das kann man eigentlich als positives Zeichen sehen, denn wenn Behindertenpolitik parteipolitisch wird, befinden wir uns, glaube ich, auf dem richtigen Weg. In diesem konkreten Fall geht es um die Komplexität der gesetzlichen Bestimmungen im Sozialversicherungsrecht. Um hier etwas weiterzubringen, bräuchte es einschlägige Arbeitsgruppen.
Nach wie vor ist das soziale Modell Behinderung noch nicht bei jedem angekommen. Betroffene bleiben ein Kind bzw. werden ein Leben lang als „krank“ gesehen. Es gibt keine Durchlässigkeit. Um das zu ändern, bräuchte es mehr politischen Willen. Die Forderungen sind hier klar: In der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf Arbeit mit einer Bezahlung, von der man auch leben kann, verankert. Und das beinhaltet auch die sozialrechtliche Absicherung. Ich denke, dass das Thema von der Politik aufgeschoben wird, und daher immer wieder neu eingebracht werden muss. Ich bin aber optimistisch, dass in diesem Zusammenhang etwas weitergeht!

Redaktion: Eine der Grundideen von discovering hands liegt darin, noch mehr Bewusstsein für das Thema „Women Empowerment“ zu schaffen. Wir bieten daher auch ganz bewusst eine Dienstleistung von Frau zu Frau auf sehr wertschätzende und individuelle Art und Weise an. Haben es Mädchen und Frauen mit Behinderung schwerer als ihre männlichen Kollegen bzw. worin unterscheiden sich deren Anliegen?

Gabriele Sprengseis: Aufgrund der generellen Diskriminierung von Frauen haben es Frauen und Mädchen mit Behinderung besonders schwer. Es wird ihnen nichts bzw. weniger zugetraut als Männern und Jungen mit Behinderung, sie werden oft behütet und versteckt. Viele sehschwache und blinde Frauen berichten, dass sie ihre Behinderung verheimlichen und sich dafür auch schämen. Letzteres trifft auch auf Angehörige zu. Das größte Problem ist hier, dass die Diskriminierung von behinderten Menschen nach wie vor weit verbreitet ist.

Redaktion: discovering hands kämpft seit Jahren für die rechtliche Anerkennung bzw. für Rechtssicherheit hinsichtlich des Tätigwerdens von MTU (Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen) in Österreich. Wie sind hier Ihre Erfahrungen mit politischen EntscheidungsträgerInnen und der Umsetzung von Projekten und Initiativen? Braucht es eine noch stärkere Lobby für die Anliegen von Menschen mit Behinderung?

Gabriele Sprengseis: Es braucht eine eigene Plattform für Frauen mit Behinderung und eine starke Lobby für die Anliegen der Betroffenen. Insofern ist Vernetzung extrem wichtig – auch mit der feministischen Community, mit der es noch viel zu wenig Anknüpfungspunkte gibt. Auch Ihr müsst euer Anliegen immer wieder laut formulieren bzw. kommunizieren.

Redaktion: Als Inklusionsexpertin: Worin liegt Ihrer Meinung nach das größte Potential von discovering hands Österreich und was möchten Sie dem gesamten discovering hands Team gerne mitgeben?

Gabriele Sprengseis: Ich glaube tatsächlich, dass Tastuntersucherinnen gute Frauen-Gesundheits-Botschafterinnen werden können oder es bereits sind. Aufgrund des Vertrauensverhältnisses in diesem Setting redet man schneller über Themen, über die frau sich sonst nicht zu sprechen traut. Dadurch wird Bewusstsein geschaffen. Und Vorsorge ist für alle Frauen ohnehin das Ein und Alles, denn jede achte Frau ist von Brustkrebs betroffen. Mit fortschreitendem Alter nimmt die Betroffenheit sogar zu: Im Alter zwischen 50 und 70 ist es bereits jede vierte Frau.
Als Befürworterin der bildgebenden Verfahren sehe ich in dem ergänzenden Angebot der Tastuntersuchung ein echtes Potential und einen unglaublichen Mehrwert. Für viele ist es eine Möglichkeit, überhaupt mit der Brustkrebsvorsorge anzufangen. Der Vertrauensaufbau bzw. die Vertrautheit mit den Tastuntersucherinnen gibt auch Frauen, die sich aufgrund der Assoziation mit Sexualität und Körperscham nirgendwo hintrauen, die Möglichkeit zur Vorsorge.
Abgesehen davon ist die Tätigkeit als MTU eine großartige Berufsmöglichkeit für blinde und sehschwachen Frauen. Ihr habt hier eine win-win-Situation geschaffen! In diesem Sinne sage ich: Weiter machen! Durchhalten! Und von Rückschlägen nicht irritieren lassen!

Redaktion: Vielen Dank für das spannende und informative Gespräch!

Redakteurin: Helena Gabriel

 

 

 

 

 

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