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„Je intimer das Thema, desto wichtiger sind Zeit und Zuwendung“

Dr. Michael Elnekheli, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, im Gespräch über Themen, die Frauenärzt*innen und Frauen bewegen und warum er zu 100 Prozent hinter discovering hands steht.

Dr. Michael Elnekheli © Jatros - Die Frau

Seit über 20 Jahren ist Dr. Michael Elnekheli Facharzt für Gynäkologie und Präsident des Berufsverbandes österreichischer Gynökolog*innen. Vorsorge liegt ihm dabei besonders am Herzen. Von Anfang an hat er daher discovering hands tatkräftig unterstützt. Als Ausbildner und Teil der Prüfungskommission begeisterte ihn vor allem der Spürsinn der sehbehinderten Medizinisch-Taktilen Untersicherinnen. Mehr zu seinen Erfahrungen erzählt er im persönlichen Gespräch.

Redaktion: Seit 1999 sind Sie der Präsident des Berufsverbandes österreichischer Gynäkolog*innen. Wieso engagieren Sie sich in dieser Rolle und welche Erfahrung haben Sie in dieser Funktion gemacht?

Dr. Michael Elnekheli: Von Anfang an habe ich meine Arbeit in dieser Funktion als sehr bereichernd empfunden. Der Berufsverband österreichischer Gynäkolog*innen vertritt überwiegend niedergelassene Frauenärzt*innen und hat es sich zum Ziel gemacht, Frauen zu informieren und Fortbildungen zum Thema Frauengesundheit zu organisieren. Durch die Gestaltung von Flyern, das Erstellen von Websites oder die Umsetzung konkreter Projekte, wie der Einführung der Mädchensprechstunde in Österreich, gehen wir mit Themen, die uns in der Praxis beschäftigen, an die Öffentlichkeit. Die Gynäkologie ist ein Vorsorgefach - von der Schwangerschaftsvorsorge über Krebsvorsorge bis hin zur Osteoporose-Prophylaxe, um nur wenige Beispiel zu nennen. Umso wichtiger ist also die Bewusstseinsbildung.

Redaktion: Was bedeutet es, heute Gynäkologin und Gynäkologe in Österreich zu sein? Gibt es Herausforderungen, mit denen Sie und Ihre Berufskolleg*innen besonders konfrontiert sind?

Dr. Michael Elnekheli: Ich sehe im Moment zwei große Herausforderungen der Gynäkologie: Zum einen eine angemessene Balance zwischen niedergelassenem und stationärem Bereich zu finden und zum anderen das Nachwuchsproblem zu lösen. Zudem haben wir einen überdurchschnittlich hohen Frauenanteil in der Gynäkologie. Das ist wunderbar und haben wir uns immer gewünscht, verschärft jedoch bis zu einem gewissen Grad die Problematik, denn viele Frauen arbeiten in Teilzeit. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte ist es sogar in Großstädten nicht einfach, Kassenstellen zu besetzen. Es besteht die Gefahr, dass der öffentlich finanzierte niedergelassene Bereich die Menschen nicht mehr versorgen kann. Hier ist nun die Politik gefragt und gefordert, Modelle zu entwickeln, die diesen Problematiken entgegenwirken.

Redaktion: Ihre Einschätzung: Macht es einen Unterschied, ob einer Patientin ein Mann oder eine Frau als Arzt oder Ärztin gegenübersitzt?

Dr. Michael Elnekheli: Hier fällt mir die ‚Drittel-Regelung‘ ein. Ein Drittel aller Patientinnen ist in dieser Hinsicht vollkommen neutral. Ein Drittel, vor allem sehr junge Patientinnen, bevorzugt eine Frauenärztin. Das gleiche Phänomen gibt es aber auch umgekehrt. Ein Drittel geht lieber zu einem Frauenarzt. Für den Großteil aller Frauen spielt das Geschlecht des Arztes also eine wesentliche Rolle. Ich biete in meiner Praxis beides an. Einmal pro Woche hat sich eine Kollegin bei mir eingemietet.

Redaktion: Seit mehr als 20 Jahren sind Sie als Frauenarzt tätig und beraten, wie sie auf Ihrer Website so schön beschreiben, Frauen auch gerne weit über den gynäkologischen Bereich hinaus. Welche Themen beschäftigen und bewegen Frauen?

Dr. Michael Elnekheli: Das Kernstück der gynäkologischen Praxis ist sicher die Krebsvorsorge. Darüber hinaus gibt es in jeder Altersgruppe unterschiedliche Beschwerdebilder. Ich denke hier zum Beispiel an diverse hormonelle Frage- und Problemstellungen – von der Pubertät, einer Schwangerschaft bis hin zu den Wechseljahren. Es lässt sich zudem sehr viel mit Hormonen assoziieren. Fragen von Patientinnen gehen in diesem Zusammenhang also oft über den gynäkologischen Bereich hinaus. Häufig beschäftigen Frauen dermatologische Probleme, Knochenabbau oder das Thema Sexualität.

Redaktion: Welche Rolle spielt für Sie Zeit und Zuwendung im Umgang mit Patientinnen? In welchen Bereichen oder Situationen ist diese Thematik besonders relevant?

Dr. Michael Elnekheli: Zeit und Zuwendung ist in allen erwähnten Bereichen wichtig. Je intimer das Thema, desto wichtiger ist der Raum, der dafür geschaffen werden muss. Hier sind die Frauenärzt*innen gefragt. Von ihnen müssen Signale gesetzt werden, dass man über Themen wie die Sexualität offen sprechen kann, sonst werden es Tabuthemen bleiben.  

Redaktion: Sie kennen discovering hands von Anfang an. Sie haben unsere Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) in ihrer Ausbildung begleitet und waren Mitglied in der Prüfungskommission. Wie kam es dazu?

Dr. Michael Elnekheli: Kollege Dr. Frank Hoffmann ist an mich in meiner Funktion als Präsident des Berufsverbandes österreichischer Gynäkolog*innen herangetreten und hat mich mit seiner Idee, den überragenden Tastsinn sehbehinderter Frauen im Rahmen der Brustuntersuchung einzusetzen, konfrontiert und von Anfang an überzeugt. Dieses Talent und Potential zu nutzen ist großartig. Besonders begeistert haben mich die von ihm entwickelten Standards und Methoden, wie die Tastuntersuchung durchzuführen und zu dokumentieren ist. Das war neu und zielführend. Hinzu kam natürlich noch der soziale Aspekt der Initiative. Ich war sofort an Board.

Redaktion: Welchen persönlichen Eindruck haben Sie in dieser Zeit gewonnen?

Dr. Michael Elnekheli: Ich habe ja die ersten Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen in Österreich in ihrer Ausbildung begleiten dürfen und war menschlich sehr beeindruckt, von ihrer Fähigkeit, mit ihrem Handicap so stark und zielstrebig durch das Leben zu gehen. Begeistert war ich auch von ihrer Freundlichkeit und Professionalität.

Redaktion: Wie könnten Medizinisch-Taktile Untersucherinnen im Bereich der Brustkrebsfrüherkennung aus ihrer Sicht optimal eingebunden werden?

Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass die speziell ausgebildeten und talentierten Medizinisch -Taktilen Untersucherinnen eine sehr viel höhere Fähigkeit haben eine Tastuntersuchung mit einem sinnvollen Ergebnis durchzuführen. Trotzdem muss festgehalten werden, dass eine Tastuntersuchung die Bildgebung in der Brustkrebsfrüherkennung nicht ersetzen kann. Sie kann jedoch als sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Methoden dienen ­– beispielsweise als erster Schritt zur Früherkennung für jüngere Patientinnen oder Frauen, die aus Angst vor Strahlen oder Schmerzen bei der Mammographie auf Vorsorgeuntersuchungen verzichten.

Eine große Chance, sehe ich auch in der Bewusstseinsbildung, die durch die Zeit und Zuwendung, die eine Medizinisch-Taktile Untersucherin der Patientin widmet, passieren kann. Der um die 40-minütige direkte und persönliche Kontakt mit den Frauen kann und soll genutzt werden, um wertvolle Informationen zu übermitteln und Patientinnen in gewisser Weise für ihre eigene Gesundheit zu erziehen. Konkret könnte ich mir auch Schulungen zur Selbstabtastung durch MTUs vorstellen. Wie gesagt, MTUs nehmen sich Zeit, Zeit die kein*e Gynäkolog*in im Arbeitsalltag jemals aufbringen könnte, und diese Zeit sollte so sinnvoll wie möglich genutzt werden.

Redaktion: Zum Abschluss: Was wollen Sie discovering hands mitgeben?

Dr. Michael Elnekheli: Meine Unterstützung hat discovering hands. Ich stehe zu 100 Prozent hinter diesem Projekt.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Dr. Michael Elnekheli wurde 1987 zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert. Von 1987 bis 1991 absolvierte er seine Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin. Anschließend daran spezialisierte er sich im Rahmen einer Ausbildung zum Facharzt auf Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Seit 1996 ist er als niedergelassener Frauenarzt tätig und seit 1999 Präsident des Berufsverbandes österreichischer Gynäkolog*innen. Nebenbei ist Dr. Michael Elnekheli als Kolumnist in den gynäkologischen Fachzeitschriften „GynAktiv“ und „Jatros-Die Frau“ tätig.

Redakteurin: Helena Gabriel