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Hand in Hand: Wenn persönliche Zuwendung und bildgebende Diagnostik sich optimal ergänzen

Univ. Doz. Dr. Lucas Prayer, Radiologe und Senior Partner des Diagnose Zentrum Urania (DZU) über den Wunsch der Patientinnen nach mehr persönlichen Berührungspunkten in der Brustkrebsdiagnostik, den Mehrwert von discovering hands für den Radiologen und warum er sich eine Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU) als Assistenz wünschen würde.

Univ. Doz. Dr. Prayer (Fotokredit: DZU)

In der Brustkrebsfrüherkennung („Screening“) liegt der Fokus eines Radiologen auf der detaillierten Analyse der bildgebenden Diagnosemethoden Mammographie/Tomosynthese und Sonographie, um Tumorvorstufen und kleinste Tumore zu entdecken . Der direkte Kontakt mit den Klientinnen fällt eher kurz aus. Univ. Doz. Dr. Prayer erkannte das Bedürfnis der Klientinnen nach mehr persönlicher Zuwendung und Zeit in der Brustkrebsdiagnostik. Für ihn bilden die besonders zeitaufwändige Tastuntersuchung der MTU und das technisches Know-How der Ärztinnen und Ärzte eine ideale Symbiose.

Univ. Doz. Dr. Prayer hat mit uns über die Zusammenarbeit mit discovering hands Österreich, den Mehrwert dieser Methode und das Feedback der Patientinnen gesprochen.

Redaktion: Lieber Herr Dr. Prayer, wie kam es zu einer Zusammenarbeit mit discovering hands?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Ich bin von einem Freund auf discovering hands angesprochen worden. Er hat mir erzählt, dass speziell ausgebildete, sehbehinderte und blinde Damen einen Service für Klientinnen in der Brustkrebsfrüherkennung anbieten - mich hat das sehr interessiert, weshalb ich dann auch letztendlich zugesagt habe.

Redaktion: Was gefällt Ihnen denn am Konzept von discovering hands besonders?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Das für mich wesentliche ist der hohe Zeitaufwand und damit verbunden die persönliche Zuwendung zur Klientin. Dies wäre im Rahmen einer Reihenuntersuchung beschwerdefreier Frauen sonst nicht denkbar. Die Aufgabe der Radiologin/des Radiologen besteht darin, kleinste und daher nicht tastbare Veränderungen mittels bildgebender Verfahren zu entdecken.

Wenn man Frauen zum Konzept von discovering hands Österreich befragt, schätzen sie vor allem die Zuwendung, das Kümmern, das ist ein wesentliches Plus, sie wollen  wahrgenommen, „begriffen“ werden – im doppelten Sinn des Wortes.

Redaktion: Das Diagnose Zentrum Urania ist nun seit November Studienpartner von discovering hands Österreich. Welche Erfahrungen haben Sie bisher in der Zusammenarbeit mit den Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) gemacht?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Der Betrieb in einem radiologischen Diagnosezentrum ist klar strukturiert. Die Frau macht einen Termin zur Brustuntersuchung aus, kommt, wird von der Assistentin zur Mammographie aufgerufen. Es ist für manche Frauen eine große Schwelle, den Oberkörper für die Untersuchung zu entkleiden. Die Brust wird für die Röntgenaufnahmen komprimiert, was manchmal als nicht angenehm empfunden wird. Danach geht es mit den Bildern zum Arzt, der kurz tastet und wenn notwendig ist einen ergänzenden Ultraschall macht.

Die taktile Diagnostik und die Untersuchung durch die MTUs laufen ganz anders ab. Die Untersuchung dauert eine halbe bis dreiviertel Stunde. Wahrscheinlich spricht eine solch ausführliche Untersuchung nicht alle Patientinnen an, aber die, die es sich wünschen, sind danach begeistert. Ich denke, es ist wichtig, dass die taktile Diagnostik in einen medizinischen Rahmen eingebunden ist, idealerweise bei uns klinischen Radiologen. 

Redaktion: Wie sieht Ihre fachliche Einschätzung zur Tastuntersuchung durch eine Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU) aus?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Ich selbst taste alle Mammographie- Patientin routinemäßig, nachdem ich die Röntgenbilder ausgewertet habe. Bei den MTUs ist es das Ziel, kleine, subtile, tastbare Veränderungen zu finden, dafür braucht es viel Erfahrung und eine intensive Ausbildung. Für mich als Radiologe ist das Tasten eine Vorstufe zur Sonographie. Ich glaube, dass es eine ideale Ergänzung für Patientinnen ist, die Zeit haben und ­diese Art von Untersuchung haben wollen. Wenn ich die Informationen der MTUs als Radiologe habe, schaue ich in der Sonographie gezielter nach. Ganz selten und bei speziellen Tumorformen kann der Tastbefund den deutlichsten Tumorhinweis geben, wenn die Veränderung im Röntgen schwer erkennbar und auch im Ultraschall schwierig abzugrenzen ist. Gerade in diesen Fällen ist eine Kooperation zwischen MTU und dem klinischen Radiologen von großem Vorteil.

Redaktion: Inwiefern sehen Sie den Mehrwert für die Patientinnen und inwiefern für Ärztinnen und Ärzte?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Ich glaube der Mehrwert aus dem Blickwinkel der Klientin ist die ausführliche Untersuchung auf allen Ebenen. Das ausführliche Tasten ist eine grundlegende Untersuchungsmethode und die Frau erfährt zudem das Gefühl der vermehrten Zuwendung. Für den Radiologen ist es ein weiterer „Input“, der besondere Aufmerksamkeit nach sich zieht.

Redaktion: Welches Feedback geben Ihnen Patientinnen zur Tastuntersuchung durch die MTU?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Ausnahmslos alle Patientinnen waren von der Untersuchung begeistert und würden es wieder tun. Im Rahmen der derzeit laufenden Studie ist es momentan so, dass ich das Ergebnis des Tastens erst nach meiner Untersuchung erfahre. Ich freue mich aber jetzt schon auf die Zusammenarbeit, wenn die Studie erfolgreich abgeschlossen und das Berufsbild etabliert ist.

Redaktion: Was sagen Sie Frauen, die Angst vor Brustkrebsfrüherkennungsuntersuchungen haben?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Ich verstehe die Angst, weil Brustkrebs für Frauen eine ganz spezielle Bedeutung hat. Das geht tief in die Psychologie, in die Weiblichkeit und in das Selbstverständnis der Frauen hinein. Die potentielle Diagnose „Krebs“ ist für viele Patientinnen der erste gedankliche Kontakt mit dem „Tod“ - ein ganz einschneidendes Erlebnis. Die Mammographie ist keine Vorsorgeuntersuchung, sondern eine Früherkennung – sie „verhindert“ keinen Krebs, kann Tumore aber bereits in einem sehr frühen Stadium erkennen und dadurch die Heilungschancen ganz wesentlich erhöhen. Auch wenn es mit Angst besetzt ist, macht es Sinn, alle zwei Jahre zu dieser Untersuchung zu gehen - immerhin wird jede achte Frau im Laufe ihres Lebens die Diagnose Brustkrebs erfahren.

Redaktion: Wie stellen Sie sich die Zukunft von discovering hands vor? Welchen Platz kann discovering hands im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung einnehmen?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Meiner Meinung nach hat discovering hands einen wertvollen Platz in der Brustdiagnostik, sie sollte aber in jedem Fall in einem medizinischen Betrieb eingebunden sein. Wenn Patientinnen getastet werden, fragen sie sich, ob etwas aufgefallen ist. Man möchte möglichst bald wissen, was dahintersteckt - ist es eine harmlose Zyste, handelt es sich um einen soliden Knoten? Deswegen ist es wesentlich, dass diese taktile Diagnostik im Rahmen einer Ordination stattfindet, wo zumindest ein Ultraschall gemacht werden kann. Am besten wäre eine Untersuchung beim Radiologen, weil dort die detailierte Diagnostik betrieben wird.

Redaktion: Würden Sie die Tastuntersuchung auch nach der Studie bei Ihnen anbieten?

Univ. Doz. Dr. Prayer: Liebend gerne!

Redaktion: Danke für das Gespräch.

Univ. Doz. Dr. Lucas Prayer ist seit 1993 Ärztlicher Leiter und Senior Partner im Diagnose Zentrum Urania. Seit 1992 ist er Facharzt für Radiologie. 1994 erfolgte die Habilitation für Radiologie an der Universität Wien.

Redakteurin: Vanessa Toth/Super PR