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Der sechste Sinn des Frank Hoffmann: Wenn eine Behinderung zur Begabung wird

Ein Gespräch mit discovering hands-Gründer Dr. med. Frank Hoffmann über die optimale Ergänzung in der Brustkrebsfrüherkennung.

 

 

Brustkrebs ist der am häufigsten auftretende Krebs bei Frauen. Gutartige aber leider auch bösartige Knoten werden allerdings meist zufällig beim Duschen oder Eincremen entdeckt - nur rund ein Drittel aller Frauen tasten sich regelmäßig bewusst ab. Denn wie kann ich meine Brust selbst richtig untersuchen? Wie gut kenne ich meinen Busen tatsächlich? Und was, wenn ich etwas finde, das sich anders als sonst anfühlt? Das sind Fragen, die sich viele Frauen stellen. Unsicherheit, Stress und Angst sind Faktoren, die viele Frauen zusätzlich belasten. Genau aus diesem Grund ist eine Tastuntersuchung einer Expertin oder eines Experten so wertvoll. 

 

Der Duisburger Gynäkologe Dr. med. Frank Hoffmann hat discovering hands in Deutschland ins Leben gerufen. Seine Idee hinter diesem Projekt: Den besonders ausgeprägten Tastsinn von sehbehinderten und blinden Frauen in der Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen. Bei blinden Menschen nutzt das Gehirn taktile und akustische Reize, um auch ohne visuelle Informationen eine ungefähre räumliche Vorstellung von der Umwelt zu erzeugen. Studien belegen, dass von Geburt an blinde Menschen die eigentlich für das Sehen zuständigen Hirnareale zum Fühlen und Hören nutzen. Durch den besseren Tastsinn können daher und auch schon sehr kleine Knoten in der Brust erkannt werden. 

 

Vor rund drei Jahren wurden die ersten Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) im Rahmen eines Pilotprojekts auch in Österreich ausgebildet. Allerdings dürfen österreichische Ärztinnen und Ärzte aufgrund des hierzulande strengeren Ärztevorbehalts die Untersuchung nicht delegieren. Dafür braucht es ein eigenes Berufsbild. Aus diesem Grund wird in Österreich mit der Genehmigung des Gesundheitsministeriums eine Studie zur Wirksamkeit der Methode durchgeführt, für welche noch freiwillige Teilnehmerinnen gesucht werden. Ziel ist es, die taktile Brustuntersuchung ergänzend zu den bestehenden Methoden in der Brustkrebsfrüherkennung zu etablieren.

 

Herr Dr. med. Frank Hoffmann erzählt im Interview mit discovering hands Österreich, wie die Idee entstand, welchen Mehrwert die discovering-hands Methode bietet und was der Schritt ins Sozialunternehmertum für ihn ganz persönlich bedeutet. 

 

dh Österreich: Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, blinde und sehbehinderte Frauen in der Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen?

Dr. med. Hoffmann: Ich bin seit über 25 Jahren als Gynäkologe tätig und da ist die Tastuntersuchung im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung natürlich eine zentrale und sehr wichtige Aufgabe. Mir als Arzt steht dabei aber nur begrenzt Zeit zur Verfügung. Auf Basis einer so kurzen Untersuchung eine Diagnose stellen zu müssen, war für mich absolut unzufriedenstellend. Daher habe ich begonnen, darüber nachzudenken, ob ich die Tastuntersuchung nicht an jemanden delegieren könnte, der mehr Zeit hat. Und während ich mir den Kopf darüber zerbrochen habe, wie das funktionieren könnte, sodass eine solche Untersuchung den Ansprüchen meiner Patientinnen gerecht wird, kam mir plötzlich die Idee: Warum sollte man hier nicht Menschen ins Boot holen, die unfreiwilliger Weise über einen besseren Tastsinn verfügen, nämlich blinde und sehbehinderte Menschen. Wenn man so will, war das die Geburtsstunde von discovering hands. 

 

dh Österreich: Was macht die discovering hands-Tastuntersuchung optimal? 

Dr. med. Hoffmann: Es ist eine Kombination aus mehr Zeit, ein standardisierter Prozessund jemand, der einen gut ausgebildeten Tastsinn hat. Und das sind eben Menschen mit Sehbehinderung, weil deren taktile Sinne viel besser ausgeprägt sind. 

 

dh Österreich: Und was sagt der Schulmediziner in Ihnen zu dieser Methode? 

Dr. med. Hoffmann: Naja als Arzt ist man ja auch Naturwissenschaftler. Und die Naturwissenschaft fragt ja immer nach den besten Möglichkeiten, die Aufgabe zu leisten, die zu leisten ist. Ich bin ja nicht der beste Arzt der Welt, nur weil ich optimal tasten kann. Ich bin der beste Arzt der Welt für meine Patientin, wenn ich für sie die richtige Diagnose stelle. Wenn ich mich dann eben auf eine bessere Tastuntersuchung beziehen kann, die in der Lage ist, bereits kleinere Tumore zu finden, dann kann das ja nur der Sicherheit meiner Diagnose dienen. discovering hands macht ja nichts anderes als die Schulmedizin - discovering hands macht nur das, was bisher getan worden ist, besser. discovering hands bietet eben eine Untersuchung mit mehr Zeit, mehr Struktur und besser tastenden Untersucherinnen an. Es bleibt ja dabei, dass es die Ärzte sind, die die Diagnose zu stellen haben und somit ihre eigene Kompetenz - also die Bewertung eines Befundes - da auch einfließen lassen.

 

dh Österreich: Wie haben Sie dann die Methode entwickelt? 

Dr. med. Hoffmann: Von vornherein gemeinsam mit den Fachleuten für die Blindenausbildung, insbesondere mit einem Berufsförderungswerk in Düren, und dann auch mit der Ärztekammer Nordrhein. In Abstimmung mit diesen Organisationen wurden das Curriculum und die Prüfordnung entwickelt. Die Frage war damals, ob es uns gelingt, ein Profil zu beschreiben, welches auch praxistauglich ist: Die Ausbildung sollte alle wichtigen Bereiche umfassen, ohne aber gleichzeitig zu lange zu dauern, die MTUs sollten autark arbeiten dürfen und der Prozess musste auch mit den Abläufen in einer Praxis kompatibel sein. Das haben wir sehr schön entwickelt und vor allem die Partnerschaft zwischen einer MTU und einem Arzt genau ausgearbeitet. Das war dann die Basis, die es uns ermöglicht hat, ein Sozialunternehmen daraus zu machen. Und dieses Modell wollen wir jetzt auch in andere Länder etablieren. 

 

dh Österreich: Gab es bei der Entwicklung größere Herausforderungen oder Probleme? 

Dr. med. Hoffmann: Ja durchaus. Die größte Herausforderung war, diese Ausbildung so zu definieren, dass sie auch überall einheitlich und qualitätsgesichert umgesetzt werden kann. Und die zweite war, die Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen, dass diese Untersuchung zu einer Verbesserung führt. Dazu war es wesentlich, auch wissenschaftliche Arbeit zu betreiben. Wir haben schon 2008 eine erste Evaluierung zusammen mit der Universität Essen gemacht, die gezeigt hat, dass die MTUs in der Lage sind, sehr kleine Tumore aufzuspüren. Wir haben durch die MTUs damals Tumore zwischen 6 und 8 Millimeter gefunden, bei den Ärzten hatten die gefundenen Tumore eine Größe von 1 bis 2 Zentimetern. Zusätzlich wurde die Patientinnenzufriedenheit evaluiert: 94 Prozent würden die Untersuchung durch die MTU auch in der Zukunft wahrnehmen. Jetzt führen wir eine Studie in Österreich durch, um dies unter österreichischen Voraussetzungen zu überprüfen. 

 

dh Österreich: Wie haben Sie den Sprung vom Arzt zum Entrepreneur geschafft?

Dr. med. Hoffmann: Die Idee hatte ich ja tatsächlich bereits als Arzt gehabt, um die Situation für meine Patientinnen in meiner Praxis zu verbessern. Da war aber noch gar nicht die Idee da, dies zum Sozialunternehmen zu machen. Wir waren schon relativ weit in den Entwicklungen, wie man die Ausbildung optimal gestalten soll, als ich von Ashoka (Anm.: Ashoka ist eine internationale Organisation zur Förderung von SozialunternehmerInnen) angesprochen wurde. Ashoka unterstützt die Lösung sozialer Probleme durch unternehmerische Konzepte. Sie haben es mir letztendlich ermöglicht, ein Modell für den globalen Markt zu entwickeln, welches anfänglich nur für meine eigene Praxis gedacht war. Der große Vorteil ist natürlich, dass man durch diesen Ansatz weiter über den Tellerrand sehen kann. Ashoka schaut nämlich auch, wie sich dieses deutsche Modell auch in anderen Ländern umsetzen lässt. Dieses Netzwerk hat uns eben auch nach Österreich gebracht und ermöglichte es uns, dort weitere Kontakte aufzubauen.  

 

dh Österreich: Ist Ihnen der Schritt ins Sozialunternehmertum leicht gefallen?

Dr. med. Hoffmann: Es war für mich natürlich auch ein großer Schritt, mich auf das Sozialunternehmertum einzulassen und dadurch mein Leben als Arzt zum Teil aufgeben zu müssen. Ich habe dies zu einem Zeitpunkt in meinem Leben getan, zu welchem es nicht mehr ganz so selbstverständlich ist, die Ärmel hochzukrempeln und nochmal alles auf Null zu stellen. Ich habe aber gesehen, was dieses Modell für die Patientinnen bedeutet, die restlos begeistert davon sind, mit welcher Sorgfalt, mit welcher Zuwendung und mit welcher Genauigkeit die Untersuchung durchgeführt wird. Ich habe aber auch gesehen, was dies für blinde und sehbehinderte Menschen bedeutet. Diese können dadurch aus einer Behinderung eine Begabung machen, die sie im besten Falle lebensrettend einsetzen können. 

Deswegen habe ich auch beschlossen, Sozialunternehmer zu werden. Dies bin ich jetzt auch zu 80 Prozent meiner Zeit - obwohl ich noch immer meine Praxis habe. 

 

dh Österreich: Haben Sie Tipps für andere Social Start-ups? 

Dr. med. Hoffmann: Ja, ich habe vier Tipps: 

  1. 1. Ein klares Ziel definieren und beschreiben. 
  2. 2. Sich auf dieses Ziel beschränken. 
  3. 3. Nicht zu früh festlegen, wie das Ziel erreicht werden soll. Manchmal muss man auch vom vorher festgelegten Plan abweichen. 
  4. 4. Nicht zu klein denken. Man sollte sich Hilfe und Unterstützung holen. 

Auch eine Zusammenarbeit mit Ashoka kann ich nur weiterempfehlen. 

 

dh Österreich: Wollen Sie noch in andere Länder expandieren?

Dr. med. Hoffmann: Ja, wir haben ein erfolgreich abgeschlossenes Pilotprojekt in Kolumbien, im Juli habe ich die ersten MTUs in Indien geprüft. Und ich werde im März in Mexiko sein, wo wir die ersten mexikanischen MTUs prüfen werden. In Europa haben wir in der Schweiz und den Niederlanden konkrete Überlegungen, das Modell auch dort zu implementieren. 

 

dh Österreich: Abschließend noch eine persönliche Frage: Gab es Erlebnisse, die Sie in der Zusammenarbeit mit den MTUs besonders berührt haben?

Dr. med. Hoffmann: Es gibt viele bewegende Geschichten. Für mich als Arzt und Gründer von discovering hands ist es immer wieder schön zu sehen, wie gut die Interaktion zwischen Patientin und MTU funktioniert.  Die Untersuchung dauert 30 bis 50 Minuten: Da ist natürlich genug Zeit vorhanden, um auch Fragen zu stellen oder gestellt zu bekommen, die vielleicht im Routinealltag des Systems gar nicht gegeben ist. Ich bin teilweise sogar ein wenig neidisch, zu erfahren, wie viel Patientinnen, die ich teils schon viele Jahre betreue, meinen MTUs von sich und ihren Sorgen erzählen. Das ist eine andere Ebene des Gesprächs, was den Frauen auch gut tut. 

Eine Geschichte, die mir aber spontan noch einfällt, ist folgende: Ich hatte eine Patientin, die zu mir gekommen ist, weil sie selbst einen Knoten getastet hatte. Ich habe meine MTU beauftragt, das gesamte Brustgewebe zu tasten, wie es dem standardisierten Ablauf entspricht. Dabei hat sie dann auch auf der anderen Brust einen weiteren, kleineren Knoten entdeckt. Mein anschließender Ultraschall und dann auch die weiterfolgende Mammographie haben keinen eindeutigen Befund für diesen Tumor ergeben. Aufgrund des Tastbefunds, der auch nachvollziehbar beschrieben war, wurde schließlich auch an dieser Brust eine Stanzbiopsie vorgenommen. Beide Knoten haben sich als Karzinome herausgestellt. Die Patientin wurde operiert und ihr geht es heute sehr gut. Sie gilt als geheilt. Ohne MTU wäre die Aufmerksamkeit nicht auf das zweite Karzinom gefallen. Es klingt vielleicht etwas pathetisch, aber für mich sind meine MTUs daher oftmals so etwas wie mein sechster Sinn. Ich hätte diesen zweiten Knoten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht getastet.

 

Durch jede Menge Fingerspitzengefühl eine Behinderung zur Begabung machen - Dr. med. Hoffmann ist der Überzeugung, dass die discovering hands-Methode großen Mehrwert schafft. Frauen in Österreich, die die gründlichen Untersuchung kennenlernen möchten, empfiehlt er daher die Teilnahme am aktuell laufenden Studienprojekt – ganz nach dem Motto: Der eigenen Gesundheit etwas Gutes tun und dazu beitragen, dass ein neues Berufsbild für Menschen mit einer Sehbehinderung entsteht.   

 

Hier finden Sie alle Informationen zur Studienteilnahme bei discovering hands Österreich: 
www.discovering-hands.at/studie