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„Auf Menschen mit Behinderung wird vergessen!“

Martin Essl, Gründer der Essl Foundation, in einem sehr persönlichen Interview über Momente, die ihn bewegen, seinen Einsatz für eine barrierefreie Welt und warum er dabei auf soziale Innovationen wie discovering hands setzt.

Martin Essl

Martin Essl, österreichischer Unternehmer und Gründer der Essl Foundation, hat eine Mission: Sein Ziel ist es, für eine Welt ohne Barrieren einzustehen und Menschen mit Behinderung durch innovative Ansätze zu unterstützen. Er glaubt an das Talent, das in jedem Menschen steckt, ob mit oder ohne Behinderung, und ist überzeugt: Die größten Barrieren bestehen in den Köpfen! Wie er diese Barrieren abbaut, welchen Mehrwert, Menschen mit Behinderung in Unternehmen bringen können, und was er sich für discovering hands wünscht, hat er uns in einem persönlichen Gespräch erzählt.

Redaktion: 2007 haben Sie gemeinsam mit Ihrer Frau die Essl Foundation gegründet. Wie kam es dazu? Was waren Ihre Beweggründe?

Martin Essl: 10 Jahre vor der Gründung der Essl Foundation mussten wir eine schreckliche familiäre Situation durchleben. Wir haben ein Kind verloren. Als wir nach diesem Verlust doch noch einmal Eltern wurden, war das für meine Frau und für mich ein Geschenk Gottes. In dem Moment, in dem ich die Nabelschnur unseres Sohnes Daniel durchtrennen durfte, haben wir so ein Glücksgefühl verspürt, dass wir die Entscheidung getroffen haben, die Hälfte unseres Vermögens einem guten Zweck zu widmen. 

Redaktion: Wie wir wissen, haben Sie Ihren Entschluss umgesetzt. Können Sie uns die Entwicklung der Essl Foundation kurz schildern?

Martin Essl: 2007 haben wir den Essl Social Prize zur Unterstützung sozialer Innovationen ins Leben gerufen. 2008 entstand die Idee zu einem Essl Sozialindex. Dieser sollte es ermöglichen, weltweit Best Practice Beispiele und möglichst konkrete Lösungsansätze für die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen mit Behinderung zu identifizieren. Unsere Untersuchungen machten deutlich, dass Innovation im Sozialbereich wenig Platz findet. Grund hierfür sind offensichtlich ständige Budgetkürzungen auf der einen und immer größere und komplexere Aufgaben auf der anderen Seite. Menschen, die im Sozialbereich tätig sind, haben oftmals nicht die Möglichkeiten, innovativ zu denken oder Risiken einzugehen. Aus dieser Erkenntnis entstand unsere Mission: Wir wollen Menschen mit Behinderungen durch die weltweite Suche und Förderung von Innovationen im Sozialbereich unterstützen. Das war schließlich die Geburtsstunde des Zero Project.

Redaktion: Das Zero Project ist ja eine ganz besondere Initiative der Essl Foundation. Was hat es mit diesem Projekt auf sich und welche Ziele verfolgt es?

Martin Essl: Ziel des Zero Projects ist es, durch die Suche, Präsentation, Vernetzung und Förderung von Innovationen Barrieren konsequent abzubauen. Das Zero Project hat es sich also zur Aufgabe gemacht, die innovativsten und effektivsten Strategien und Praktiken, die uns diesem Ziel einen Schritt näherbringen könnten, zu identifizieren und zu teilen. Begonnen haben wir mit 60 Experten aus 15 Ländern. Heute besteht das Innovationsnetzwerk aus 5.000 Stakeholdern aus 180 Ländern. Ein großes Anliegen des Zero Projects ist es auch, Innovator*innen miteinander zu vernetzen und von Mentor*innen begleiten zu lassen.

Redaktion:Woher kommt Ihr besonderer Einsatz für Menschen mit Behinderung?

Martin Essl: Über unser Familienunternehmen haben wir über 30 Jahre hinweg Menschen mit Behinderung beschäftigt. Zu Beginn aus einer christlichen Einstellung heraus. Wir wollten Menschen, die es besonders schwer im Leben haben, eine Chance geben. Zu Beginn haben wir die Anstellung von Menschen mit Behinderungen als Sozialprojekt gesehen. Wir haben aber sehr schnell erkannt, dass Menschen mit Behinderung einen unglaublichen Mehrwert für Unternehmen bringen können. Eine gelungene und gelebte Inklusion führt zu einer Leistungssteigerung des gesamten Teams. Die Empathie steigt, die Leute unterstützen einander und passen aufeinander auf. Eine „Stand-Alone-Arbeitsweise“ wird zu einem Teamwork, das wirklich kraftvoll ist. Entscheidungsprozesse dauern dann zwar manchmal länger, die Umsetzung erfolgt dafür qualitativ hochwertiger und nachhaltiger. Ich darf also aus einer langjährigen Erfahrung mit Menschen mit Behinderung schöpfen und habe mir vorge-nommen, andere Entscheidungsträger*innen davon zu überzeugen, möglichst viele Menschen mit Behinderung einzustellen und selbst solche positiven Erfahrungen zu machen. 

Redaktion: Seit Jahren engagieren Sie sich im Sozialbereich. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?

Martin Essl: Als globale Herausforderung sehe ich die gesellschaftliche Ignoranz bzw. das „Nicht-Beschäftigen“ mit den Zielen der UN-Behindertenrechtskonvention, sei es im Bildungswesen, in der Barrierefreiheit, auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik – auf Menschen mit Behinderung wird sehr oft vergessen. Sie haben nicht die gleiche Priorität wie Menschen ohne Behinderung und das ist ein Fehler. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Früher führte der Bildungsweg für Kinder mit Behinderung in Österreich automatisch direkt in die Sonderschule. Unglaublich viele Talente sind verschüttet geblieben und noch immer ist es in einzelnen Bundesländern zumeist so. Die größten Barrieren bestehen also nach wie vor in den Köpfen der Menschen. Es muss zu einem Umdenken kommen. Man muss den Leuten zeigen, dass jeder Mensch – egal ob mit oder ohne Behinderung – bestimmte Talente hat, die es zu fördern gilt. Genau das versuchen wir auch, indem wir Best Practices wie etwa discovering hands unterstützen.

Redaktion: Was war Ihre bewegendste Begegnung im Rahmen Ihrer Arbeit?

Martin Essl: Das ist eine ganz schwierige Frage, weil ich fast täglich so viele neue bewegende Erfahrungen sammeln darf. Am bewegendsten ist immer, wenn man in die strahlenden Augen der Menschen sieht, denen man, indem man gesellschaftliche Barrieren abbaut, neue Perspektiven ermöglicht.

Redaktion: Sie waren einer der ersten Unterstützer von discovering hands in Österreich. Was ist das Besondere an diesem Projekt und welches Potential sehen Sie?

Martin Essl: Dass Frauen mit einer Sehbehinderung ihre Talente, also ihren besonders ausgeprägten Tastsinn, für andere Frauen in der Brustkrebsfrüherkennung einsetzen und damit Leben retten können, hat eine unglaubliche Kraft. Durch discovering hands wird auf ganz innovative Art und Weise genau das Bewusstsein geschaffen, von dem ich zuvor gesprochen habe: Man stellt die Stärken des Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Schwächen, aus einer Sehbehinderung wird eine Tastbegabung, aus Mitleid wird Respekt! Und da braucht es jede Unterstützung, die notwendig ist, um diese Idee in ganz Österreich zu etablieren.

Redaktion: Was wäre Ihr Wunsch für discovering hands? Was wollen Sie discovering hands mitgeben?

Martin Essl: Was ich dem gesamten Team von discovering hands mitgeben möchte, ist: Habt Durchhaltevermögen! Ihr macht einen super Job! discovering hands ist ein tolles Projekt! Was ihr jetzt braucht, ist politischer Rückenwind, damit der Beruf der Medizinisch-Taktilen Untersucherin möglichst bald in Österreich anerkannt wird. Und darüber hinaus: discovering hands hat ein unglaubliches Verbreitungspotenzial. Mein Wunsch wäre es, dass sich dieses Modell in möglichst vielen Ländern etabliert.

Vielen Dank für dieses spannende Gespräch!

Martin Essl war über 35 Jahre als Einzelhändler in 9 europäischen Ländern tätig und verfügt auch über eine langjährige Erfahrung in der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen. Im Jahr 2008 gründeten Martin und seine Frau Gerda Essl gemeinsam mit ihren Kindern die gemeinnützige Essl Foundation. Sie hat das globale Sozialnetzwerk „Zero Project“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, Barrieren gegenüber Menschen mit Behinderungen abzubauen und soziale Innovationen in diesem Sektor zu suchen und zu fördern. Martin Essl engagiert sich in zahlreichen weiteren sozialen Initiativen wie Ashoka Österreich, ist Gründungsmitglied der „Sinnstifter“, der Bürogemeinschaft Haus der Philanthropie, Wien und des Verbands für Gemeinnütziges Stiften.

Redakteurin: Helena Gabriel